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5. Juli 2013

World War Z: An Oral History of the Zombie War

Yeah, Trailer vor einem Kinofilm sind fast ein größeres Highlight als der Film selbst! Na mal sehen: Aha.... 0815 Liebeskomödie.... Uh, die Doku könnte vielleicht ganz interessant sein, aber bei DEM Publikum im Saal wird diese Werbung wohl wenig fruchten ....neargh, noch ein sinnloser Actionfilm und unzählige millionen Dollar verschwendet -_- .... Juhu, es ist eine weitere Comicbuchverfilmung von Marvel! Scheiß auf die millionen Dollar! ....Was kommt denn nun? Brad Pitt mit einem dünnen Schal mitten im Sommer. Macht der jetzt auf Hipster? Aha, es rennen viele Menschen vor irgendetwas weg. Brad läuft mit. Man sieht noch nicht wirklich irgendwas. Wird wohl ein Katastrophenfilm sein. Oder irgendein Monsterfilm. Jetzt sieht man auf einmal Schiffe auf dem Meer.... das erinnert mich doch an etwas. Katastrophen und Zuflucht auf dem Meer klingen verdammt vertraut. Nur woher? Oje, mir ahnt übles. Oh Gott, bitte lass die Katastrophe keine Zombieapokalypse sein.... NEEEEEIIIIIN, es sind wirklich Zombies! Bitte lass es keine Verfilmung von dem grandiosen Buch World War Z sein! .....AAAAAAHHHHH, es ist die Verfilmung!!! Rettet euch! Rettet euch solange ihr noch könnt!!!!!




Es ist wirklich zum Heulen, denn kein Buch bleibt von der schreibfaulen Hollywood-Industrie verschont. Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll rumzumeckern, so sehr hält sich meine Begeisterung über den kommenden Kinofilm in Grenzen. Aber ich sollte wohl nicht voreilig Schlüsse ziehen und rumraunzen. Vielleicht wird der Film ja sogar ganz gut, wenngleich er an die Buchvorlage niemals herankommen wird! Hmpf, immerhin steht der Trost über diesen Zwiespalt in Papierform nur 4 Meter weit weg in meinem Bücherregal und weckt Erinnerungen an bessere Zeiten, in welchen Drehbuchautor noch selbst Geschichten erfanden und ich statt für die Uni zu lernen, lieber auf dem Sofa gelegen bin und ein Buch gelesen habe. Und ein paar von euch kennen mich gut genug, um zu wissen, dass solch ein Ereignis eher selten stattfindet, und es sich dementsprechend um ein verdammt gutes Buch handeln muss! Also warum nicht zuerst über das Buch, auf welchem der Film basiert, schreiben, anstatt rumzumeckern? Worum es in World War Z des Autors Max Brooks (Sohn des berühmten Mel Brooks (Spaceballs)) geht, wisst ihr ja schon: die Zombieapokalypse bricht aus bzw. brach aus, denn alle in dem Buch geschilderten Ereignisse finden in der Vergangenheit der eigentlichen Geschichte statt. Aber gehen wir lieber nochmal auf Anfang.

In der Einleitung des Buches will ein engagierter UNO-Mitarbeiter einen Bericht über die sogenannten Z-Kriege verfassen, da viele Dokumente und Daten noch in Zusammenhang gebracht und katalogisiert werden müssen. Sein direkter Vorgesetzter erkennt jedoch die Leidenschaft, mit welcher dieser junge Büroangestellte zu Werke geht, und meint zu diesem, er könne doch gleich ein Buch aus Augenzeugenberichten schreiben, welches zugleich den umfassenden Abschlussbericht darstellt. Und schon macht sich nach nur 3 Seiten Einleitung unser Büroangestellter auf eine lange Reise um die Welt, um als Hobbyjournalist Menschen zu interviewen. Darum geht es in dem Buch: man liest selten die eigenen Worte der Hauptperson, falls man sie so überhaupt nennen kann, da sie ja nur einen zweckmäßigen Rahmen erstellt, um den Stil der Erzählung zu rechtfertigen, ...man liest nie die eigenen Worte dieser Hauptperson, sondern immer nur die verschiedenen Schilderungen von bereits in die Jahre gekommenen Leuten, welche die Zombieinvasion vor einigen Jahren überlebt haben. Alle paar Seiten wechselt also die Perspektive und der Standort. Daher auch der Untertitel "An Oral History...". Nach und nach berichten diese Personen nun, was sie so erlebt haben, und man erhält einen netten Überblick, wie die Leute in verschiedenen Erdteilen den Ausbruch der Invasion mitbekamen und um ihr Überleben kämpften, was uns auch schon zum interessantesten Aspekt des Buches bringt. Objektivitität versus Subjektivität.

Obwohl der Autor unglaubliche Raffinesse und Kreativität an den Tag legt über Faktoren, die bei so einer Apokalypse mitspielen, beschränkt er durch diesen losen Zusammenhang von vollkommen willkürlich ausgewählten fiktiven Interviewpartnern enorm das Verständnis über die Dinge, die überhaupt passieren. So erfährt man zum Beispiel nie, wie die Invasion genau ausgebrochen ist, oder was mit dem einen Staat passiert ist, obwohl zu Beginn noch genau dieser Staat erwähnt wurde. Es bleiben so viele Fragen offen, eben bedingt durch den Erzählstil des Buches. Der Leser bekommt trotz eines extrem süchtig machenden Stilmittels nie vollständige Antworten auf seine Fragen und bleibt nach Beendigung des Buches ein bisschen in der Luft hängen gelassen. Die Struktur mit den Interviews ist im doppelten Sinne aber genial von dem Autor gewählt. Er schafft dadurch nicht nur eine außergewöhnliche Rahmenhandlung, die es alleine schon wert ist, gelesen zu werden, sondern entzieht sich damit zugleich jeglicher Verantwortung, schlussendlich abschließende Antworten vorlegen zu müssen. BÄM, Geniestreich!

Auf der anderen Seite erfindet Max Brooks SO viele (ja, ich muss es großschreiben, da es wirklich viele sind) fiktive Personen und Geschichten zu ihnen, dass man ihm trotz der offenen Antworten am Ende nicht böse sein kann. Er verleiht jeder Person alleine schon durch die Art wie sie redet und gestikuliert so unglaublich viel Authentizität, Diversität und Einzigartigkeit, sodass man sich ihre Erlebnisse derart im Kopf verinnerlicht, als sei man selbst auf der Flucht vor den Zombies gewesen, als sei es eine echte Person, die hier ihre Geschichte erzählt und kein erfundener Charakter. Durch diese schiere Menge an Erzählfiguren, erhält man nun widersprüchlicherweise doch genug Objektivität über die Ereignisse, aber eben immer nur aus der Sicht eines Einzelnen und nie das gesamte Bild.

Hinzukommt, dass Brooks Faktoren berücksichtigt, an die Ottonormalverbraucher nicht mal denken würden. Eine "kurze" Liste:
  • Wie verhalten sich Tiere, speziell Hunde gegenüber Zombies? Kann man dies zu seinem Vorteil nützen? Jagen Zombies wirklich nur Menschen?
  • In welchen Regionen sind Untote überlebens- bzw. fortbewegungsfähig? Speziell in verschneiten Regionen oder im Meer.
  • Sind Inseln wirklich die beste Zufluchtsmöglichkeit?
  • Wie sehr am Arsch sind eigentlich Astronauten im Orbit?
  • Warum funktionieren biologische, chemische und nukleare Waffen nicht? Wie genau funktioniert die Anatomie eines Zombies und sein Stoffwechsel?
  • Welche Kampfstrategien können entwickelt werden? Welche politischen Maßnahmen sind erfolgreich? Entstehen vielleicht Grenzkonflikte zwischen bestimmten Staaten aufgrund von Flüchtlingsströmen?
  • Wie sieht die Zivilisation nach einer Zombieinvasion aus?
  • Welche Staaten behaupten sich? Wie entwickeln sie sich nachher weiter? Wird es neue Großmächte nach so einer Invasion geben?
  • Und zu guter Letzt: Warum bricht eigentlich Chaos bei so einer Invasion aus? Und bekommt man überhaupt wirklich ALLE Zombies wieder von der Erdoberfläche weg?
An manche von diesen Überlegungen habe ich persönlich noch nie gedacht, zum Beispiel dass sich Israel und Kuba hervorragend auf eine derartige Attacke von Untoten einstellen könnten. Brooks stellt diese Überlegungen nicht nur an, sondern versucht kritisch über sie nachzudenken und sie vernünftig durch logische Argumente zu erklären. Paart man diesen Umstand nun mit den liebevoll gestalteten, zahllosen Charakteren und dem ambitionierten Erzählstil, erhält man so am Ende ein Zombiebuch, was sich immens spannend, interessant und mitreißend, zugleich auch erschreckend realistisch, emotional und clever liest. Der Film kann an diese vielschichtige Tiefenstruktur des Buches einfach nicht herankommen, da es (tut mir leid, Brad Pitt) einfach keine Hauptfigur gibt, geschweige denn einen linearen Handlungsablauf. Das, was ich vom Trailer gesehen habe, zeigt keine Verfilmung der Vorlage, sondern einen Actionfilm mit Zombies, mehr oder weniger basierend auf der Vorlage. Aber naja, ob man am Ende trotz der offenen Aspekte befriedigt oder unbefriedigt den Kinosaal verlässt oder das Buch zuklappt, hängt halt stark davon ab, was man sich von einem Film bzw. einem Buch (oder generell einer Geschichte) erwartet. Das Buch bleibt auf jeden Fall jedem zu empfehlen, der sich für Science Fiction, Fantasy, Thriller, Zombies oder Endzeitszenarien begeistert.

santi

23. Januar 2013

Whores' Glory

Thriller        Check!
Action         Check!
Sci Fi          Check!
Fantasy       Check!
Superhelden Check!
Drama         Check!
Komödie     Check!
Dokumentation ... Hm, einen Dokumentarfilm reviewte ich in der Tat noch nie. Habe auch keine Ahnung wie ich sowas bewerkstelligen soll. Könnte also interessant werden. Und genau wie zu meinem Artikel Beasts of the Southern Wild gibt es für folgenden Film ebenfalls einen aktuellen Anlass, warum ich ausgerechnet über diesen schreibe! Der Titel hat wahrscheinlich ohnehin die Aufmerksamkeit von so manchem Perversling unter euch geweckt, also komme ich gleich zur Sache. Und nein, das meinte ich nicht zweideutig! -_- Am kommenden Donnerstag steht der Fernsehabend des Österreichischen Rundfunk im Schwerpunkt von österreichischen Filmemachern. So premieren gleich 2 Filme im Fernsehen: Atmen, ein Drama um einen 19-Jährigen Strafhäftling, der mit seiner neugewonnen Freiheit und seinem neuen Leben zurechtkommen muss, und Whores' Glory, eine Dokumentation über das Leben von Prostituierten rund um den Globus. 




Der Regisseur Michael Glawogger sucht sich für seine cineastische Recherche drei sehr exotische Szenerien aus, in welchen der Zuseher mit Sex handelnde Frauen wohl noch nicht zu Gesicht bekam, und teilt dementsprechend seinen Film in 3 Teile. Erster Teil zeigt ein Bordell in der Stadt Bangkok, in welcher es üblich ist, dass die Frauen in isolierten Zimmern hinter einer Glasscheibe sitzend zur Schau gestellt werden. Vor der Scheibe machen es sich die Kunden auf Sofas bequem und diskutieren sogar miteinander, welche wohl die Hübscheste sei oder auf welche man gerade Lust hat. Dieses Kapitel soll darstellen, wie sehr man einen Menschen (in diesem Fall Frauen) als Produkt herab werten kann und nicht mehr als selbstständig denkendes Individuum wahrnimmt. Wie Schaufensterpuppen haben die Frauen zu warten und sich zu präsentieren. Der Freier ruft sie nicht beim Namen, sondern per Nummer auf. Was für welchen Preis gemacht wird, entscheidet der Chef.

Abschnitt 2 zeigt ein Stadtviertel von Faridpur in Bangladesch, der sogenannten "Stadt der Freude". Und ja, in der Tat, hier erstreckt sich das Bordell Häuser weit durch die Gassen der Stadt, anstatt sich auf ein einzelnes Gebäude zu begrenzen. Hier arbeiten die Prostituierten nicht nur, sondern hier wohnen, essen und schlafen sie auch. Manche ziehen hier sogar ihre Kinder groß. Ihre thailändischen Kolleginnen (falls man es so nennen kann) sind wenigstens in der Lage abends nach Hause zu gehen, aber hier in Faridpur gelten offensichtlich andere Regeln, sowie Ränge unter den Frauen und Mädchen, welche ihre Geschäfte zum Großteil selbst organisieren bzw. von einer "Big Mama" (mir fällt leider kein anderer Begriff dafür ein) geleitetet werden. Die älteren, erfahreneren wohnen in größeren Zimmern, die jungen müssen mehr arbeiten. Täglich kommen neue junge Mädchen ohne Ausbildung oder Arbeitserfahrung vom Land in die Stadt um ein bisschen Geld zu verdienen, und ohne jegliche Jobaussicht entscheiden sie sich für die Prostitution. Ihnen wird von den Älteren sogar weisgemacht, dass sie sich glücklich schätzen können, hier zu arbeiten. Sollte sich eine beschweren, landet sie auf der Straße, wohingegen in den Bordellvierteln doch ein gewisser Schutz untereinander herrscht, man ein Dach über dem Kopf hat und versucht sich umeinander zu kümmern. Eine Art goldener Käfig. Dieses Kapitel soll die Aussichts- und Hoffnungslosigkeit dieser jungen Frauen den Zusehern näherbringen.

Kapitel 3 wurde in der mexikanischen Stadt Reynosa gedreht, nahe der amerikanischen Grenze bei Texas. Auch hier arbeiten die Frauen in eigenen Bezirken, aber anders als in Bangladesch werden diese Zonen extra für sie errichtet und von Polizisten bewacht, sollte sich ein Freier mal ungut verhalten. Hier sind sie sich ganz selbst überlassen und müssen ihre eigenen Zimmer mieten. Ihre Freier können sie sich aber selbst aussuchen und die Preise eigenmächtig festlegen. Diese Episode des Filmes zeigt, wie Prostitution nicht nur ein demütigender Akt ist, der den Frauen von einer befehlenden Instanz direkt aufgezwungen wird, sondern von ihnen als tatsächliche Arbeit betrachtet wird. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss man natürlich für sich selbst entscheiden.

Die große Stärke des Filmes ist das kommentarlose Bild. Zu keinem einzigen Zeitpunkt der knapp zwei Stunden langen Doku spricht der Regisseur, und lässt immer nur die Frauen und die Freier reden. Zwar stellt er schon Fragen (welche nicht gezeigt werden), meistens lässt er aber die Gedanken der gefilmten Personen schweifen und fängt so viel besser ihre wahre Gefühlslage ein. Michael Glawoggers eigenen Ansichten zu Prostitution bleiben dem Zuseher verbal verborgen und er muss nur anhand des Bildmaterials sich eine eigene Meinung formen. Dieser Stilgriff gibt jeder Location ein ganz eigenes Momentum, hat aber als Konsequenz, dass irgendwie kein roter Faden zustande kommt und man auch keinen so richtigen Appell entdecken kann, obwohl die Grundthematik sich konsequent und konstant durch den ganzen Film zieht. "Wohin will der Regisseur mit dem Gezeigten?", könnte man sich fragen. Dies verleiht dem Film leider eine gewisse Langatmigkeit, welche aber durch die Dreiteilung der Ortschaften leicht aufgehoben wird, dennoch bei manchen Leuten (besonders bei denjenigen, die lange Dokus nicht gewöhnt sind) wahrscheinlich für Langeweile beim Fernsehen sorgen kann.

Trotzdem ist Whores' Glory eine sehr sehenswerte und (bedingt durch die Kommentarlosigkeit) unkonventionelle Dokumentation über ein Milieu, dessen innere Strukturen vielen Leuten unbekannt ist, und kann sich hervorragend zu Glawoggers anderen Spitzendokus Megacities und Workingman's Death dazugesellen.

santi

26. August 2012

Welcome to Hell

Bücher, sooo viele Bücher zum Lesen. Ihr habt ja keine Ahnung, wieviele von den Dingern ich über die Jahre gesammelt habe und nie wirklich aufgeschlagen habe. Da ich vor wenigen Tagen immer noch keinen neuen Laptop hatte (jetzt aber schon, YAY) und ich eines Nachts auch nicht einschlafen konnte, nahm ich eines dieser Buch zur Hand. Musste ja schließlich viel zum Lesen aufholen. Außerdem passte der Ort des Buches irgendwie zu meiner bevorstehenden Thailandreise. Obwohl, hoffentlich nicht...




Wie der Titel so schön verrät, war Colin Martins Aufenthalt in Tailand kein so erfreulicher. Aber ich fange lieber mal von vorne an. Colin Martin war ein irischer Schweißer und Geschäftsmann. Anfang der 90er hat er seine eigene kleine Firma aufgemacht, welche sich damit beschäftigte, Schweißer auszubilden und als Leihkräfte zu verleihen. Zuerst expandierte die Firma in europäische und später auch in asiatische Länder. Bei einem seiner geplanten Deals wurde er in Bangkok übers Ohr gehauen und um eine halbe Millionen Dollar erleichtert. Da er selbst nun pleite war, seine Kollegen und Angestellten kein Vertrauen mehr zu ihm hatten und seine Frau ihn verlassen hat, begab er sich auf eine zweijährige Suche quer durch Thailand, um die Männer zu finden, die ihn ausgetrickst hatten. Erstaunlicherweise findet er diese beiden Männer sogar und möchte Gerechtigkeit walten lassen... und natürlich sein Geld zurückhaben. Durch korrupte Polizisten geschieht aber genau das Gegenteil. Bei der Festnahme des zweiten Schurken kommt es nämlich zu einem Faustkampf mit dessen Bodyguard, welcher zwar von Colin überwältigt werden, aber auch fliehen konnte. Auf einmal gilt dieser Bodyguard nicht nur als vermisst, sondern auch als tot. Einer der beiden Betrüger bezichtigt Colin nun als mutmaßlichen Mörder seines Bodyguards. Natürlich verteidigt Colin seine Unschuld, aber wird durch stundenlange Folter der Polizei weichgekocht und zu einem Geständnis gezwungen. Daraufhin landet er in einem der brutalsten, gefährlichsten, unhygienischsten und menschenunwürdigsten Gefängnissen der Welt. Im restlichen Buch über schreibt Colin, wie das Leben im Gefängnis so war und wie er vergeblich versuchte, eine faire Verhandlung vor Gericht zu erhalten.

Das erschütternde an Welcome to Hell ist, dass es auf wahren Erlebnissen von Colin Martin basiert und dieser autobiografisch und auschließlich aus der Ich-Perspektive berichtet. Und glaubt mir, es ist nicht einfach, sich selbst zu überwinden und das, was dieser Mann niederschrieb, zu akzeptieren. Denn nicht nur die Ungerechtigkeit und die brutale Folter der Polizei, sondern auch die Lebensverhältnisse in den Haftanstalten sind unglaublich. Man mag es fast nicht wahrhaben, dass es solche Orte auf der Welt gibt und dass andere Menschen in der Lage sind, anderen so etwas anzutun. Colin Martin ertrug es 8 harte Jahre lang und entschloss sich schlussendlich, seine Geschichte niederzuschreiben. Ihm war, so schreibt er gegen Ende des Buches, durchaus bewusst, dass viele Leute, die sein Buch lesen werden, ihm wahrscheinlich keinen Glauben schenken werden, da sie die beschriebenen Grausamkeiten nicht wahrhaben wollen oder vielleicht gar nicht verstehen. Um seine Geschichte bei Skeptikern zu untermauern, fügte er die wenigen Fotos, die ihm während seines Gefängnisaufentaltes erlaubt wurden, hinzu. Und sein Schreibstil wirkt nun wirklich nicht wie der eines professionellen Schriftstellers. Er beschreibt in seinen eigenen Worten, was er gesehen und erlebt hat.

Zu Beginn des Buches wirkt alles immens surreal, da Colin ja auf zwei Betrüger, die ihre Betrügereien im großen Stil organisieren und es hauptsächlich auf Firmen und Geschäftsmänner abgesehen haben, hereinfällt. Teilweise ist einem während dem Lesen unbegreiflich, wie Colin Martin auf die Ausreden und die Tricks dieser Betrüger so naiv hereinfallen konnte. Dann sinnierte ich kurz darüber und kam zu dem Entschluss, dass dies doch vielen Leuten leicht passieren hätte können. Er glaubte halt an das Gute im Menschen und dachte nicht darüber nach, dass man ihn so verarschen würde. Sein Drang nach Gerechtigkeit wurde dann unbarmherzig vom thailändischen Justizsystem, welches im Buch von vorne bis hinten als korrupt rüberkommt, niedergeknüppelt und er wurde für seine Gutmütigkeit bestraft. Einige werden sogar einen ganz neuen Blick auf die Länder Südostasiens bekommen.

Ich weiß nicht wirklich, was ich mit diesem Artikel erreichen will. Wahrscheinlich will ich nur, dass so viele Leute wie möglich von dem, was Colin Martin zugestoßen ist, erfahren. Persönlich finde ich, dass er sich doch sehr naiv und sogar ein bisschen dümmlich bzw. fahrlässig verhalten hat. Auf der anderen Seite ist es durchaus menschlich, Fehler zu machen. Dass er aber so bitter in seiner Sehnsucht nach Fairness enttäuscht wird, ist einfach unbegreiflich. Das Buch liest sich sehr schnell und obwohl das Beschriebene in einem einen Kotzreiz verursachen kann, ist es doch immens mitreißend. Ob es taktisch klug war, genau dieses Buch vor meinem Thailandaufenthalt zu lesen, ist natürlich fraglich. xD Ich empfehle es trotz des schwermütigen Inhaltes auf jeden Fall weiter und wünsche Colin für sein restliches Leben alles Gute!

santi

25. Mai 2012

Atlas der abgelegenen Inseln

Videospiele, Kinofilme und Superhelden. Der Themenzylkus meines Blog ist eher wenig variantenreich und nach meinem Superheldenlauf werde ich meine nächsten paar Artikel etwas kürzer gestalten. Daher komme ich jetzt mal, um Monthy Python zu zitieren, zu etwas vollkommen anderem. Nämlich einem Buch! Und nicht irgendein Buch, sondern ein Atlas. Nicht nur irgendein Atlas, sondern ein Atlas über Inseln. Nicht nur irgendwelche Inseln, sondern es geht um die 50 entlegensten Inseln der Welt, "von welchen man wahrscheinlich noch nie hörte und auf denen man wohl auch nie in seinem Leben sein wird".




Was ist nun so besonders an dem Buch der Autorin Judith Schalansky, fragt ihr euch? Nun, first things first. Jeder der beschriebenen Inseln werden zwei ganze Seiten gewidmet. Auf der rechten Seite sieht man die Inseln aus der Vogelperspektive. Hierbei wird unten stets immer der gleiche Maßstab angegeben, sodass man sie leicht miteinander vergleichen kann. Auf der linken Seite stehen vorerst nur gewöhnliche Daten. Bewohner, genaue Lokation, Staatenzugehörgkeit und Größe in km². Gleich darunter findet man den zweitinteressantesten Aspekt des Buches, eine Längenangabe, wie weit die Insel sich von drei anderen Landmassen, seien es nun Kontinente oder andere kleine Inseln, weg befindet. Die Idee, solche Angaben überhaupt zu einzubauen, finde ich überaus kreativ und hilfreich, da man nun halbwegs abschätzen kann, wie vereinsamt die arme Insel dort aus dem Meer ragt. Leider sind diese drei Länder scheinbar vollkommen willkürlich von der Autorin selektiert worden, da die abgelegenen Eiländer oft näher zueinander liegen als zu den im Buch angegeben Ländereien. Dies zerstört nicht nur die geographisch stützende Hilfe für den Leser, sondern erzeugt unnötig weite Entfernungen, welche eigentlich eh niemanden interessieren. Warum macht man sowas? Die drei nähesten Ortschaften hätten doch ausgereicht.

Wie dem auch sei, unter dieser Angabe findet sich eine Zeitlinie. Auf dieser befinden sich die wichtigsten temporalen Daten der Insel, wie zum Beispiel Entdeckung, erste Betretung, erster Eintrag in eine Landkarte, Zeitpunkt als Kriegsschauplatz, erste Besiedelung, ob und wann ein Schiff gestrandet ist, et cetera. Diese Daten werden nun in das wohl prägenste Merkmal des Buches integriert. Nämlich der Beschreibung der Insel. Unter den bereits erwähnten Angaben auf der linken Buchseite findet sich in der unteren Hälfte eine Kurzgeschichte zu jeder Insel, in welcher diese und ihre Geschichte näher geschildert werden. Die Geschichten weisen dabei zu Beginn einen hohen Grad an Abwechslung und, trotz ihrer Kürze, einen enorme Intensität auf, sodass man immer weiterblättern möchte und stets eine weitere Insel "entdecken" will. Denn so kommt sich der Leser nämlich vor. Wie ein Entdecker! Die Variation der Erzählstile reicht dabei von bloßer Kamerafahrt über die Insel, über die Perspektive eines herumfliegenden Vogels, bis hin zu der Schilderung von Personen. Die Autorin versteht es, die Leser auf diese Inseln mitzunehmen und sich kurz wie Robinson Crusoe zu fühlen. Hier folgt trotzdem wieder ein "leider", denn bei 50 Inseln wiederholen sich die Grundrisse dieser Kurzgeschichten allmählich und es kommt bedingte Langeweile auf. Daher empfiehle ich, diesen Atlas nicht in einem durchzulesen, sondern Stück für Stück immer nur einen Ozean pro alle zwei Wochen abzuarbeiten.

Ein literarisches Meisterwerk ist der Atlas der abgelegenen Inseln nun nicht geworden, aber die Idee, ein Nachschlagewerk dieser Art mit solchen Kurzgeschichten zu versehen, ist immens zu befürworten und verleiht dem Buch etwas Einzigartiges. Wer gerade Lust hat, aus dem tristen Wohnzimmeralltag auszubrechen, dafür aber weder Geld, noch Zeit opfern will, kann sich diesen Atlas gerne für eine halbe Stunde zu Gemüte führen und sich von der Autorin auf einen kleinen Kurzurlaub in die Fantasie mitnehmen lassen. Denn dies zu tun versteht sie allemal.

santi