Posts mit dem Label Film/Movie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Film/Movie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

17. November 2014

Interstellar

Witzig. Durch mehrere Schicksalsschläge im eigenen Leben mental gelähmt, weiß man nichts mit sich selbst anzufangen, und zur Selbsttherapie versucht man nach einer gefühlten Ewigkeit sich wieder an alten Hobbys (wie zum Beispiel Blog schreiben) zu orientieren ...und dann fällt einem einfach kein gescheiter Inhalt für den Anfang eines endlich mal wieder verfassten Artikels ein. Awkward nennt man sowas. Eine Metapher muss her! Genau, ein passendes Bild, welches als Übergang unmissverständlich funktioniert und durch seine Absurdität genügend Sympathie und Schmunzeln in den Lesern erzeugt, sodass sie den Autor für dessen Gebrauch nicht sofort verurteilen und hängen. Also schwafel ich mal nicht weiter um den heißen Brei herum, sondern springe einfach mal direkt ins kalte Wasser. Das macht ja schließlich mehr Spaß als langsam immer nur eine weitere Stufe hinein in den lauwarmen Swimming Pool zu steigen. Wie macht man das am besten? Richtig: mit einer Wasserbombe! Darum soll sich mein erster Artikel metaphorisch passend um einen aktuellen Kinofilm drehen, der länger angekündigt war, aber dann doch relativ schnell fertiggestellt wurde, einen Sprung wagte, und schlussendlich bei Kritikern sowie normalen Kinogängern ebenso einschlug wie eine Bombe.




Wir befinden uns auf einer desolaten Erde in relativ naher Zukunft. Die Menschheit ignorierte jahrelang ihren Einfluss auf die Umwelt; Ressourcen wurden abgetragen und exzessiv verbraucht. Trockenheit und täglich wütende Sandstürme gehören mittlerweile zum Alltag. Viele Nahrungsmittelquellen sind versiegt. Fleisch gehört lange schon auf die Liste der knapp gewordenen Luxuswaren. So muss ein Großteil der Menschen mehr oder weniger bereitwillig die eigenen Jobs aufgeben und fast schon sozialistisch als Farmer und Bauern zusammenarbeiten, um die paar Getreidesorten, die überhaupt noch existieren können, anzubauen und so das Überleben der gesamten Spezies zu sichern. Durch diese lebensfeindlichen Umstände wird jede finanzielle Investition der Regierung außerhalb des Nahrungsmittelsektors scharf beobachtet und kritisch von der Öffentlichkeit aufgenommen. So kommt es zu einem starken Interessensrückgang in Wissenschaften und die NASA ist zu einem Überbleibsel ihres alten Selbst degeneriert. Doch genau eben diese prophezeit, dass sich allmählich das Ende unserer früher noch so bewohnbaren Welt nähert. Im Geheimen wird nun sie finanziert, um das Weltall zu erkunden, andere Planeten zu entdecken und die Existenz der Menscheit auf einer neuen Erde zu gewährleisten. Nur es fehlt überall an geschultem Personal, da bereits viele Schulen in ihrer Affinität wissenschaftliche Erkenntnisse weiterzuverbreiten, damit ja alle Kinder Farmer werden, einfach keine neuen Fachspezialisten mehr hervorbringen. Hier kommt Cooper ins Spiel. Cooper (gespielt von Matthew McConaughey) ist ein Ex-Pilot der NASA, welcher zu jenen Leuten gehört, die die Arbeit an den Haken hingen und Maisfarmer wurden. Gemeinsam mit seiner Tochter Murphy findet er über das Vorhaben, andere Planeten zu kolonisieren, heraus und entschließt sich, eines der Raumschiffe zu fliegen. Sehr zum Missfallen seiner Tochter. Denn die Distanzen, welche bei dieser Reise überbrückt werden müssen, würden bedeuten, dass Cooper über Jahre hinweg im All umherreist. Was jedoch für ihn in seinem Raumschiff nur 3-4 Jahre sind, könnten auf der Erde Jahrzehnte darstellen. Und die Reise an sich birgt weitere ungewisse Risiken...

Womit wir bei den emotionalen Dilemmata der Charaktere und generell dem Drehbuch angekommen wären. Wie ihr merkt, ist die Geschichte gespickt mit Aufbau und Details. Die Charaktere müssen etabliert werden; die Beziehungen müssen mit Emotionen angereichert werden; die Umwelt der Erde, die neuen Planeten, die Umstände der Reise, die wissenschaftlichen Aspekte müssen erläutert werden; all das beansprucht enorm viel Zeit. Christopher Nolan schafft es zwar, dass der Film trotz seiner doch bemerkenswerten Länge von über (ja, über!) 2 1/2 Stunden nie langweilig wird, aber dennoch braucht man sehr viel Sitzfleisch und hoffentlich einen Kinosessel, der einem keine Hintern- oder Nackenschmerzen beschert. Denn oben lest ihr nämlich nur die grobe Hintergrundgeschichte, welche vielleicht die erste halbe Stunde des Filmes ausmacht. Die Begebenheiten, wie Murphy und Cooper das Vorhaben entdeckt haben, wurde an dieser Stelle von mir gar nicht erst erwähnt. Dafür könnt ihr aber einen der talentiertesten Filmemacher unserer Zeit dabei beobachten, wie er jedem Charakter eine eigene Persönlichkeit zu verleihen weiß. Sei es nun die Vater-Tochter-Beziehung oder die moralischen Abgründe und Ängste der anderen Astronauten. Hier wird Nolan von einem namenhaften Cast unterstützt, der ziemlich teuer gewesen sein muss. Angeführt von den herausragenden Matthew McConaughey und Anne Hathaway ist jeder Schauspieler topbesetzt und motiviert. Außer der Kinderdarstellerin für die Tochter Murphy hat man wohl jeden Schauspieler schon irgenwo mal gesehen. Und selbst die spielt absurd überzeugend für eine so junge Schauspielerin! Normalerweise versagen Kinder in solchen präsenten Rollen eher häufig.




Wie ihr vorhin schon gelesen habt, sind auch wissenschaftliche Ideen ein großes Kernelement in Interstellar. Muss es ja auch sein, wenn man einen halbwegs glaubwürdigen Weltraumfilm in dieser finanziellen Größenordnung fabrizieren möchte. In der langen Laufzeit des Filmes nehmen die Erläuterungen zum Glück nie Überhand, aber die schiere Vielfalt könnte bei manchem Kopfzerbrechen auslösen. Hier also eine kleine Warnung, falls einen sowas überhaupt nicht interessiert. Es werden nämlich unter anderem Theorien behandelt wie: Was passiert in der Nähe eines schwarzen Loches? Wie funktionieren und sehen Wurmlöcher in dreidimensionalen Raum aus? Gibt es mehr als nur drei Dimensionen? Wie funktioniert Zeitdilatation? Einfluss von Gravitation auf Zeit? Generell sehr viel Relativitätstheorie. Lasst euch von meiner Warnung aber nicht vollkommen abschrecken! Der Film bietet in so vielen anderen Aspekten reichlich Tiefe und Unterhaltung, und wenn man dieses Blabla bei allzu großem Desinteresse ignorieren kann, kann man dem Film ebenfalls genug abgewinnen. Die Erklärungen wurden außerdem alle unter den wachsamen Augen von anerkannten Wissenschaftern und sogar Nobelpreisträgern in das Drehbuch integriert, sodass sie stets wissenschaftlich, kontextuell, und auch visuell Sinn machen, aber für Laien nicht zu kompliziert dargestellt werden bzw. nicht zu vereinnahmend sind. Christopher Nolan ist sich durchaus bewusst, dass dieser Teil des Filmes wohl nicht jeden begeistern wird, und übt sich aus meiner Sicht gekonnt an einer Gratwanderung zwischen Mainstream-Unterhaltung, wissenschaftlicher Genauigkeit, und Fantasie. Der gewaltigen Bild- und Soundkulisse tut es zumindest nichts ab.

Mankos gibt es aber leider überall. Nichts ist perfekt. Genauso Interstellar nicht. So zählen zu den Schwachstellen des Filmes eben unter anderem jenes Drehbuch, welches mit einem etwas zu .... nunja, sagen wir mal "freizügigen" Ende aufwartet, welches ein bisschen zu sehr auf die Schnulz- und Kitschdrüse drücken möchte. Hier nahm sich Nolan doch ein klein wenig zu viel erzählerischen Freiraum trotz aller entgegenstehenden Logik und Notwendigkeit, um das Ende in eine Richtung zu biegen, die ihm zusagt, da er noch einen Aha-Effekt einbauen wollte. Versteht mich bitte nicht falsch. Das Ende ist visuell und emotional großartig inszeniert und ich liebte es! Aber es wirkte zeitgleich so fehl am Platz. Neben dem Gedanken "Geil!" schwirrte in meinen Synapsen ständig parallel der Gedanke "Wirklich?! Wozu???" herum. Kurzum: trotz allen Bemühens kommt der Film über so manche Plotlücke nicht hinweg. Ein weiterer, aber recht schwacher Kritikpunkt ist der Soundtrack. Hans Zimmer versteht sein Handwerk und die Musik reißt einen mit, wird nie aufdringlich oder nervig, und hört sich epochal an. Nur ist sie nach einer Weile leicht repetitiv.




Dennoch, obwohl der Film zugegebenermaßen nicht perfekt ist, lese und höre ich von Filmkritikern teilweise viel zu harsche Reviews und negative Meinungen. Dieser Film ist in jeder erdenklichen Art bemerkenswert und verdient keine Scores von 6/10 Punkten, 3 von 5 Daumen, oder "watchable/serviceable". Generell sind diese Nummernspiele nicht sehr viel wert, da sie einfach zu brachial Filme oder Spiele oder was auch immer in Kategorien einzugliedern versuchen, und wie bei realen Konflikten muss jeder Konflikt eigen betrachtet werden. Lasst euch von schlechten Reviews nicht zu sehr beeinflussen, die Nolan als Regisseur oder gar das gesamte Drehbuch niedermachen, welches Schwachstellen aufweist, aber verzeihbare Schwachstellen. Wobei wir schon zum Artikelende gelangen.

Zusammengefasst ist Interstellar ein Schmaus für Augen und Ohren, und wartet mit einer Geschichte auf, die sich gewaschen hat. Der Film spielt mit wissenschaftlicher Präzision sowie auch hypothetischen Ideen herum. Übt sogar hier und da leichte Sozialkritik am menschlichen Umgang mit Natur und Wissenschaft. Primär zielt der Film auf jene ab, die mit dem Science Fiction Genre ein bisschen mehr als andere anfangen können, ist aber eben nicht nur ein klassischer Science Fiction Film im eigentlichen Sinn. Er nimmt euch auf eine atemberaubende Reise durch das Weltall mit und wenn man sich darauf einlässt, kann er euch auch emotional tief im Herz treffen. Nicht nur einmal kamen mir die Tränen. Interstellar ist ein Weltraumepos mit einer nur seicht definierten Zielgruppe. Egal ob man ein Familiendrama mit weltklasse Schauspielern; tolle Bilder von visuell beeidruckenden, fremden Welten; einen spannenden SciFi-Film, welcher seine Hausaufgaben gemacht hat, sehen will; oder einfach nur seinen philosophischen und wissenschaftlichen Horizont erweitern möchte. Unterhalten tut dieser Film im Kino wahrscheinlich jeden auf die ein oder andere Weise. Top-Erlebnis!

santi

31. Mai 2013

Men in Black 3


Habt ihr schon mal so etwas richtig Peinliches gemacht und euch gewünscht, im Boden zu versinken? Aber warum im Boden versinken? Es wäre doch viel effektiver, das Gedächtnis aller Beteiligten einfach auszulöschen. Am besten auch gleich mit einem Blitz-Dings aus dem Men in Black-Franchise. Ihr könnt es nicht leugnen, denn ich weiß, dass jeder von euch gerne so ein Gerät hätte! Und stellt euch vor, nach Men in Black 2 waren meine Erwartungen in den dritten Teil, welcher liebevoll MiB3 abgekürzt wurde, so gering, sodass ich bereits prophezeit habe, mich wahrscheinlich danach selber blitzdingsen zu wollen. Na mal schaun...




Im New York unserer Gegenwart (und wahrscheinlich noch an einigen anderen Orten auf der Erde) leben bereits seit Jahrzenten Aliens unter uns. Manchmal sogar wörtlich unter uns. Um nicht aufzufliegen und ihre Existenz geheim zu halten, versuchen sie sich mit unauffälligen und auffälligen Kostümen zu tarnen. Dies ist auch nötig, denn so gestört wie manche Menschen sind, würden sie entweder sofort in Panik ausbrechen ("Oh Gott, wir sind nicht allein!!!") oder sie mit Interviews und Fragen belagern. Vielleicht würden sie einige von ihnen sogar für Experimente einsperren. Solche kurzsichtigen Handlungen könnten aber weitreichende Folgen haben, da sonst ein interstellarer Krieg ausbräche. Eine illustre Organisation der Regierung weiß natürlich von diesen Außerirdischen und möchte deren Identitäten ebenfalls geheim halten. Obwohl die Regierung der USA dies selbstverständlich niemals zugeben würde. Diese Behörde stellt auch Visa für unseren Planeten aus, um die Aliens auf diese Weise während ihres Aufenthaltes überwachen zu können. Sollte sich ein Alien nicht bei ihnen um eine Aufenthaltsbewilligung melden, ist dessen Aufenthalt dementsprechend illegal und es darf der Erde verwiesen oder gar gefangengenommen werden. Immerhin geht es bei so einer extraterrestrischen Einreise auch um nationale und internationale Sicherheit. Diese Behörde trägt den Namen Men in Black und eigentlich kann man sie auch einfach als das Weltall-FBI der Erde bezeichnen.

Das ist mal die Grundstruktur des Franchise. Nun kam kurz vorm Sommer 2012 bereits der sage und schreibe dritte Film in die Kinos, und da das Franchise bereits seit über einem Jahrzehnt existiert hat und der zweite Film eher negative Kritik einstecken musste, dachte und hoffte man lange Zeit, die Ideen der Drehbuchautoren seien erschöpft und es werden keine neuen Filme mehr erscheinen. Die Comicvorlage erfreute sich dennoch weiterhin großer Beliebtheit. Im ersten Film erscheint bei den Men in Black der Neuzugang J, gespielt von Will Smith. Sein Mentor innerhalb der Organisation ist K, gespielt von Tommy Lee Jones, dem diese ausdruckslose Rolle hervorragend steht und man schon fast sagen könnte, dass sie ihm wie ein Smoking maßgeschneidert wurde. Ist "maßgeschneidert" eigentlich ein Verb? Ach, ich benutze es trotzdem. Fällt eh niemandem auf...

Nachdem im ersten Teil alles schön chaotisch den Zusehern nähergebracht wurde und J sich in die Organisation integriert hatte, ging der bereits in seine Jahre gekommene K in Pension und ließ sein Gedächtnis mit dem berühmten Blitzdings-Gerät löschen. Inhalt des zweiten Filmes ist es, K sein Gedächtnis wiederzubeschaffen und ihn erneut für die Organisation zu gewinnen. Im dritten Teil bricht nun ein Alien namens "Boris, das Tier" aus einem Hochsicherheitsgefängnis auf dem Mond aus, gelangt zurück auf die Erde und reist in die Vergangenheit zurück, um den jungen K, welcher für Boris' Festnahme verantwortlich war, zu eliminieren, damit er diese ganze Zeit nicht in Gefangenschaft verbringen muss und als Rache nun die menschliche Rasse auslöschen kann. Nach dem K aus unserer Gegenwart verschwunden ist, reist J (Gott, diese Buchstaben als Namen sind sau anstrengend) ebenfalls in die Vergangenheit, um eben genau dessen Ermordung zu verhindern und so das Raum-Zeit-Kontinuum aufrechtzuerhalten.


Josh Brolin verkörpert den jungen K grandios. Und er schafft es,
dieses ausdruckslose Gesicht den ganzen Film über beizubehalten!

Eines vorne weg: die Story ist wesentlich besser als die des zweiten Filmes und die Macher lassen sich immer neue und schrägere Aliens einfallen. Dies sind zwei Pluspunkte für den Film. Aber man merkt den ganzen Film hindurch, dass dieses Franchise wirklich keinen dritten Film mehr gebraucht hätte und dieser Streifen kein Ergebnis von ambitioniertem Storytelling ist, sondern man Geld scheffeln und keine einfallsreiche Geschichte erzählen wollte. Die Geschichte wurde quasi um die Gags herum konstruiert und nicht umgekehrt. Ja, sie ist besser als im zweiten Teil, aber eben auch nicht sonderlich gut. Besonders scheitern die Autoren mal wieder, wenn es um Zeitreisen geht. Und auch hier ist das Drehbuch mit Logikfehlern und simplen Zeitreiseausrutschern durchtränkt. Boris kann einfach nicht in die Vergangenheit reisen, um K umzubringen. Täte er dies, würde er ja nicht mehr im Gefängnis sitzen, um dann in der Zukunft K umbringen zu wollen und dementsprechend würde er dann die Reise in die Vergangenheit auch nicht mehr unternehmen. Natürlich kommen dann noch kleinere Ungereimtheiten wie "Schall im Weltraum" und "Die Wachen des Gefängnissen sind alle Idioten" vor. Aber diese Ausrutscher haben irgendwie einen Unterhaltungswert für sich.

Mir kam stellenweise auch der Gedanke, als ob die Macher an den falschen Stellen Zeit gespart hätten. So bleiben viele potenzielle Witzquellen ungenutzt und werden lieber mit Actionszenen ersetzt. Beispiel: Will Smith aka J reist ja in die 1960er der USA, wo es immer noch offenen Rassismus gegenüber Afro-Amerikaner gab. Er sollte es also relativ schwer haben, an Informationen zu kommen oder sich vollkommen frei im Alltag bewegen zu können. Aber nein, stattdessen gibt man dieses konfliktreiche Potenzial nur wenig Chance und baut diesbezüglich eine schwache Szene mit Autodiebstahl ein, welche zwar durchaus gelungen ist, aber naja...

Die größte Meisterleistung, die dem Film doch noch eine positive Kritik abverlangt, bewerkstelligt Josh Brolin (No Country for old Men, Milk, Mimic) als junger K der Vergangenheit. Das irgendjemand Tommy Lee Jones in jungen Jahren so authentisch wiedergeben kann wie er, bezweifle ich stark, und daher ist Josh das Highlight des Filmes. Von Tommy Lee sieht man leider nicht allzu viel und Will Smith, der 20 Minuten lang eine One-Man-Show abzieht, wirkt auch schon eher von den MiB-Filmen gelangweilt. Aber wahrscheinlich hatte er zu dem Zeitpunkt der Dreharbeiten keine anderweitigen Verpflichtungen in anderen Filmproduktionen zu erfüllen.

Wie dem auch sei, kommen wir zum Fazit. Men in Black 3 ist sehr leichte, aber auch sehr amüsante Kost mit einem soliden Cast, guter Optik, kreativen, wenn auch bereits sehr abgewetztem Humor, viel Fokus auf eben diesen Humor und auf Action, und unterhaltsamer, aber trotzdem immens schwacher Geschichte, die sich scheinbar vor Logik regelrecht verstecken will, damit der Plot funktioniert, und stattdessen lieber auf Randomness baut. Besser als der Vorgänger ist er auf jeden Fall, aber an den ersten Teil kommt er leider nicht heran. Solltet ihr den Film im Kino verpasst haben, macht dies also nichts, da ihr eigentlich nicht wirklich etwas verpasst habt. Am Abend im Fernsehen anschauen kann man ihn trotzdem.

Wie, euch gefällt mein Review nicht? *Sonnenbrille aufsetz* 
Dann schaut nur mal kurz hierher. *Bitz*

santi

23. Mai 2013

Iron Man 3

Endlose Filmfortsetzungen ala Saw, Fast & Farious und Paranormal Activity sind leider das Ergebnis eines Trends, in welchem es nicht mehr um originelle Drehbücher oder kreatives Storytelling geht, sondern nur noch um Money-Grabbing. Dementsprechend nimmt die Qualität von vielen Filmreihen zugunsten der Quantität mit jeder weiteren Fortsetzung drastisch ab. Umso erstaunlicher ist es dann, wenn tatsächlich mal ein zweiter, dritter oder sogar vierter Teil eines Filmes erscheint, bei welchem sich herausstellt, dass er nicht nur gut, sondern sogar besser als die Vorgänger ist!




Genau dies trifft auf den neuesten Superheldenfilm von Marvel zu, Iron Man 3. Noch actiongeladener wartet diese Fortsetzung mit einer erdrückenden Düsternis auf. Nach den Ereignissen in The Avengers fühlt sich Hauptfigur Tony Stark so stark (hihi Stark-stark, get it?) mit seinem Alter Ego Iron Man und seinem Kampfanzug verbunden, sodass er seine ganze Freizeit für dessen Modifikationen investiert und sich ohne Anzug immens angreifbar fühlt. Physisch, sowie psychisch. Dem nicht genug taucht auch noch ein weiterer Antagonist auf der Bühne auf, hervorragend gespielt von Guy Pearce. Dieser schwor sich nach einer verletzenden Absage Tonys bezüglich eines Interviews nicht nur persönliche Rache an eben diesen, sondern will mit einer neuentdeckten biologischen Waffe auch das internationale Waffengeschäft an sich reißen. Im Zuge der Auseinandersetzungen gegen fast unbesiegbare und biologisch mutierte Ex-Soldaten findet sich Tony schlussendlich in einer Situation wieder, in welcher er zeitweise vollkommen auf seinen Kampfanzug verzichten muss. Der dritte Teil der Filmserie legt seinen Hauptfokus darauf, wie Tony Stark auch ohne seinen Kampfanzug seinen Pflichten als Iron Man nachgeht. Er IST Iron Man! Sei es mit, oder ohne Anzug.

Nicht nur wirkt der Film düsterer als seine Vorgänger, er hat auch (bedingt durch den neuen Regisseur Shane Black) das lockere Comicfeeling aufgegeben. Man fiebert nun wirklich für Tony mit, welcher verletzlich und schutzlos ohne seinen Anzug versucht seine Superheldenidentität zu definieren. Es hängt eine permanente Gefahr in der Luft, dass das Abenteuer vielleicht doch nicht gut für den Protagonisten ausgehen könnte. Die Effekte werden dank wachsender Erfahrung seitens Marvel Studios und immer besser werdenden Computerprogrammen ebenfalls immer anschaulicher, und die Schauspieler spielen alle durch die Bank solide.

Alles in allem kann ich wohl getrost sagen, dass Iron Man 3 seine beiden Vorgänger in jeder Hinsicht übertrieft und als das bis dato erwachsenste Werk der Marvel Filmstudios fungiert. Einzig allein die sehr willkürliche Vernachlässigung von Physik, Biologie oder generell Realismus könnte man anprangern, oder das Iron Man am Ende des Filmes doch keinen Sidekick bekommt, wie ich so sehr erhofft habe. Aber als Superhelden-, Marvel-, Actionfilm- oder Science Fiction-Fan ist dieser Film fast schon ein Must-See, und auch für den Otto Normalverbraucher des Filmeschauens effektive Unterhaltung.


santi

PS: Auf jeden Fall nach den Credits noch im Saal bleiben!

14. Mai 2013

Life of Pi

Erst 3 Artikel in 4 Monaten? Daran sollte dringend etwas geändert werden. Aber ich muss euch beichten, dass mir in letzter Zeit Schreiben sehr wenig Spaß gemacht hat. Es ist von einem Hobby über viele Monate hinweg neben meinem Studium fast schon zu einer zweiten Arbeit mutiert, welche ich mir selbst wie eine Pflicht auferlegt habe. Die Liste der noch zu schreibenden Reviews wird zusätzlich dazu ebenfalls immer länger und länger, und dementsprechend wird das Schreiben demotivierender, wenn ich diesen riesigen Entwurfhaufen betrachte. Je mehr man zu erledigen hat, desto weniger schafft man am Ende. Und auch die Attitüde, "Das mach ich dann halt morgen", schleicht sich hinterhältig ins Unterbewusstsein ein. Dieses Phänomen kennen sicher ein paar von euch, liebe Leser. Sogar einen "Sendeplan" habe ich mir für Februar und April erstellt, aber diesen ebenfalls undiszipliniert wieder verworfen. Mein Blog soll keine Arbeit für mich sein, sondern mir Spaß machen! Darum beschloss ich kurzerhand, einfach kleine Schritte zu tätigen, mir nicht zu viel vorzunehmen und wieder einen Artikel nach dem anderen zu schreiben, ohne mir jedes Mal denken zu müssen, "Oh Gott, ich muss schnell ein Review zu diesem Film schreiben, sonst läuft er am Ende nicht mehr in den Kinos!" Pustekuchen, sag ich euch! Mit dieser Einstellung ist jetzt hoffentlich Schluss! Genau aus diesem Grund habe ich den Film Life of Pi als Reboot-Artikel ausgewählt.

Namensgebend für den Film ist Pi (ausgesprochen wie das englische Wort für Kuchen, meint aber tatsächlich die mathematische Kreiszahl), ein Mann indischer Abstammung, welcher sich zu Beginn des Filmes in Montreal, Kanada in einem Interview mit einem Buchautor befindet. Diesen Autor können wir gerne Santi nennen, da er praktischerweise das gleiche Problem hat wie ich (und ich mich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann): er leidet an einer massiven Schreibblockade. Über mehrere Ecken hinweg hat Santi erfahren, dass Pi eine atemberaubende, unglaubliche Geschichte zu erzählen hat, welche bis dato viele Menschen inspiriert und ihnen teilweise sogar den Glauben an Gott wiedergegeben hat, sobald Pi seine Geschichte fertigerzählt hat. So treffen sich Santi und Pi nun zum Essen und zum im Park spazieren Gehen, damit Pi mit seiner Geschichte vielleicht auch Santi wieder seine Inspiration zurückgeben kann.




Die Geschichte beginnt mit Pi's Kindheit und Jugend. Er wuchs in Indien auf, absolvierte die Schule, zoffte sich ab und an mit seinen Eltern, übte früh eine Faszination für die großen Religionen dieser Welt aus, verliebte sich zum ersten Mal. Eigentlich recht standard, aber er war glücklich mit seinem Leben. Um Geld zu verdienen, betrieb sein Vater einen Zoo. Da dieser sich nach vielen Jahren leider nicht mehr rentiert hat, beschloss sich sein Vater, mit der ganzen Familie samt Zoo in die Vereinigten Staaten von Amerika zu reisen. Dort sollte man die Tiere an die dortigen Tiergärten verkaufen und sich mit dem gewonnen Geld in Kanada ein neues Leben aufbauen. Die Schicksalsgötter hatten aber andere Pläne und entfesselten während der marinen Überfahrt einen Sturm, welcher das Schiff samt tierischer Ladung und den meisten Reisenden an Bord zum Kentern und kurz darauf zum Sinken brachte. Pi konnte sich während dieser Tragödie auf ein Rettungsboot retten, merkte aber früh, dass er auf diesem nicht alleine war. Am ersten Tag teilte er sein Vehikel noch mit einem Orang-Utan, einem Zebra, einer Hyäne und, zu diesem Zeitpunkt noch unwissenderweise, mit einem Tiger. Die Hyäne machte sich prompt auch schon über Zebra und Orang-Utan her, der Tiger schließlich über die Hyäne und die Reste der anderen beiden Tiere. Pi war von nun an gezwungen, auf einem selbstgebastelten Floß neben dem Rettungsboot herzutreiben, da dieses nun das Territorium des Tigers war.

Somit begann für Pi ein Kampf ums Überleben. Nicht nur musste er Hunger, Durst, Wellen, Stürmen, Einsamkeit und der Hitze der Sonne trotzen, sondern auch lernen, mit dem Tiger umzugehen. Leider liegt der Fokus des Filmes sehr auf dieser Mensch-wildes-Tier-Beziehung und es werden nur wenige wirkliche Momente gezeigt, in welchen Pi fischt, sich ein provisorisches Dach bastelt oder sonst was überlebensnotwendiges praktiziert. Der eigentliche Überlebenskampf gegen die Gewalten der Natur werden gezielt in den Hintergrund gerückt, was ich persönlich halt ein bisschen schade finde. Meine Enttäuschung fußte aber in der Erwartung, einen moderneren Robinson Crusoe zu sehen, und soll eigentlich kein negativer Kritikpunkt sein, da diese Interpretation von "Gefangen sein auf einem Rettungsboot mit einem Tiger" durchaus interessant sind. Life of Pi geht bewusst in eine andere, sehr "fantastische" und märchenhafte Richtung, was man immens an der in der Geschichte vermittelten Spiritualität und der Optik des Filmes erkennt. Beispiele hierfür reichen von menschenfressenden Inseln, über die in allen möglichen Farben des Regenbogens leuchtende Fauna und Flora des Meeres, bis hin zu Pi's Faszination von Religionen, die er quasi schon sammelt wie andere Leute Pokemon fangen. Und hier geht der Regisseur (ich habe die Buchvorlage nicht gelesen) einen sehr gewagten Schritt, da anscheinend in jeder Situation im Leben etwas philosophisches zu finden ist. Seien es nun Jesus, Jehova, Allah, Ganesh oder Buddha, einer von ihnen ist immer präsent und möchte den Menschen Botschaften zukommen lassen.

Wie zu Beginn schon erwähnt, will Pi mit seiner Geschichte Santi seinen Glauben an das Fantastische, vielleicht sogar an Gott zurückgeben. Pi erzählt weiter von seiner Rettung nach knapp 200 Tagen auf Hoher See und dem anschließenden Interview der japanischen Versicherungsgesellschaft, welche herauszufinden versucht, warum das Schiff untergegangen ist. Pi's Geschichte mit dem Tiger, der Hyäne, dem Zebra und den unzähligen märchenhaften, fast schon an reine Erfindung grenzenden Geschehnissen lassen die japanischen Versicherungsbeamten skeptisch werden und fragen Pi, ob sich seine ganze "Reise" wirklich so zugetragen hat, wie er sagt. (Es ist immens schwer über diesen Film objektiv zu reden, ohne etwas zu spoilern). Pi sah ein, dass diese Beamten ihm nicht glaubten, er wollte sie aber "glauben" machen lassen. Er präsentierte ihnen eine zweite, abgeänderte Version, in welcher er sich mit dem Schiffskoch, einem Matrosen und noch jemanden auf das Rettungsboot evakuieren konnte. Nach kurzer Zeit begannen die anderen aber, genau wie die Hyäne und der Tiger, aufeinander loszugehen. Sei dies nun durch Streit, durch Hunger oder durch mentalen Stress passiert. Pi wurde mit dieser Realität nicht fertig und erfand sich daher bewusst die Tiere herbei, um die Geschehnisse zu entmenschlichen. Auf die Frage, welche Variante der Geschichte nun besser gefiele, antworteten bis zu diesem Zeitpunkt alle von Pi's Zuhörern: die Beamten, Santi, seine Freunde, etc.; sie alle antworteten, dass ihnen die Tigervariante besser gefiele. Vielleicht weil die Brutalität des Menschen durch diese Interpretation zumindest erzählerisch getilgt wurde. Die Menschen entschieden sich bewusst für das Unglaubliche, das Fantastische, "und so ist es auch mit Gott", lautet Pi's finaler Satz in seiner Erzählung.


"*Rawr* Ich bin eine Mietze-Katze!"

Der Film ist im Gegensatz zu diesen spirituellen Ansätzen des Plots ironischerweise ein sehr technischer Film. Es wurde zum Beispiel fast nie unter freiem Himmel gedreht und wie bei Titanic damals wurde ein großer Pool gebaut. Alle Tiere sind überaus gelungene, trotzdem eindeutig erkennbare Kreationen von Computerprogrammen, und vieles mehr, von Wetter bis Requisiten (stellenweise sogar das Boot), sind Produkte der Spezialeffekte. Besonders die Visualisierung des Tigers wurde hochgelobt, gewann sogar einen Oscar und ja, es sieht alles unglaublich gut aus, aber trotzdem erkennt man ständig, dass es sich um Effekte handelt. Im Vergleich dazu Jurassic Park oder Iron Man, in denen die Dinosaurier oder die Kampfanzüge umwerfend realistisch aussahen. In einem Zeitalter, in welchem man schon fast lebensechte Animationen erzeugen kann, wirkt der Film leider sehr künstlich. Nichtsdestotrotz sieht der Film gut aus und macht ENDLICH wieder seit Avatar: Aufbruch nach Pandora intelligenten und gekonnten Gebrauch der 3D-Technologie. Zwar ist dieser absolut nicht notwendig gewesen, aber die ein oder andere Kameraeinstellung (Ach, das Schiffswrack *schwärm*) wird dadurch sehr bereichert. Genauso handhabt es sich mit der musikalischen Hintergrunduntermalung, welche die Szenerien immer passend, aber nicht aufdringlich begleiten. Für die besten Effekte und die beste Filmmusik hat der Film verdient den Oscar erhalten. Den Gewinn für die beste Kamera, hm, ja, es gibt schon schöne, einprägsame Einstellungen und manche von denen bleiben einem sicher in Erinnerung, aber dies kann man durchaus anfechten, da einfach so vieles aus dem Computer entspringt...

Hm, habe ich nun zu Gott wiedergefunden? Wohl kaum. Ist meine Kreativität oder meine Motivation zu neuem Leben erwacht? Wir können es nur hoffen. Will man sich Life of Pi ansehen, und ich will auf keinen Fall jemandem davon abraten, sollte man davor gefeit sein, dass es sich nicht um einen actiongeladenen Survival-Thriller handelt, sondern um einen in manchen Belangen langatmigen Film, der eine Reise, eine Selbstfindung, eine philosophische Idee, ein Märchen erzählen will. Dessen Umsetzung macht den Film zwar nicht zum besten des Jahres, aber zumindest zu einem sehr sehenswerten und, meines Erachtens, zu einem der besten 2012.

santi

20. März 2013

Les Misérables

Stellt euch vor, es ist Revolution und keiner geht hin. Stellt euch vor, ihr müsstet euch zwischen der Loyalität zu euren Freunden und der Liebe eures Lebens entscheiden. Stellt euch vor, es gebe nur noch eine einzige Möglichkeit eurer Kind zu ernähren und ein Dach über dem Kopf zu geben. Stellt euch vor, ihr hättet eurem besten Freund bereits mehrmals eure Zuneigung gestanden, diese aber trotz massiver Selbstaufopferung niemals erwidert bekommen. Und stellt euch vor, euer schlimmster Erzfeind rettet euch das Leben. Übt ihr weiter Hass auf ihn aus oder vergebt ihr ihm? Wie würdet ihr reagieren? In Les Misérables sehen sich die vielen Hauptcharaktere mit diesen Szenarien konfrontiert und müssen sich oftmals zwischen Pest und Cholera entscheiden. Daher auch der "elendige" Titel, "Die, denen es miserabel ergeht". Passend zur diesjährigen Oscar-Verleihung vor inzwischen schon etwas längerer Zeit, 4 Wochen in etwa, habe ich jetzt endlich einen der vielen prämierten Filme zu Gesicht bekommen! Und im Gegensatz zu dem Jahr 2004, in welchem Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs alle Konkurrenten vom Platz gefegt hat, gab es dieses Jahr keinen wirklich großen Gewinner. Also mal sehen, ob zumindest das Musical-Epos Les Misérables seine Auszeichnungen verdient hat...




Das Stück bzw. der Film beginnt in Frankreich um zirka 1815. Also nicht allzu lange nach der französischen Revolution. Der Großteil der Bevölkerung lebt nach wie vor in Armut und kämpft jeden Tag aufs neue ums Überleben. Die erste Szene zeigt die Freilassung Jean Valjeans (Hugh Jackman), welcher 19 Jahre gesetzlich auferlegte Zwangsarbeit absolvierte, da er für seinen hungernden Neffen ein Laib Brot gestohlen hat und anschließend vor der Exekutive fliehen wollte. Freigelassen wird er von Oberaufseher Javert (Russell Crowe) leider nicht ganz. Javert entwickelte seit seiner Kindheit nämlich wegen negativen Erfahrungen eine derartige Wut auf die soziale Unterschicht und generell Gesetzesbrechern, sodass er seine Abneigung gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe nun an Valjean auslässt und diesen in seinen persönlichen Papieren als Dieb und Gefahr für die Gesellschaft brandmarkt. Und um das Fass zum Überlaufen zu bringen, setzt er Valjean nur auf Bewährung frei, sodass sich dieser wöchentlich bei einem Polizeiamt zu melden hat. Dementsprechend schlecht läuft auch Valjeans darauffolgende Jobsuche und sein einziger Ausweg aus der Hungersnot und Obdachlosigkeit ist es abermals zu stehlen. Doch dieses Mal verzeiht ihm sein Opfer und Valjean schwört sich, die gestohlene Ware dazu zu verwenden, ein besserer und vorbildlicher Mensch zu werden, welcher anderen, soweit es möglich ist, zu helfen versucht. Mit seinen Papieren kann er dies leider nicht und so taucht er illegal eine Weile unter und nimmt eine neue Identität an.

Ein großer Zeitsprung von mehreren Jahren findet in der Erzählung statt und setzt ein, als eine junge Mutter, Angestellte einer Textilfabrik, von dem dortigen Personalmanager gefeuert wird. Es stellt sich heraus, dass Valjean Chef dieser Fabrik und sogar Bürgermeister der Stadt geworden ist. Zeitgleich trifft Valjean auf Javert, welcher ebenfalls in der Karriereleiter zum Oberpolizeiinspektor (oder sowas) hochkletterte und seinen entflohenen Ex-Sträfling, der sich ja nicht mehr bei den behördlichen Institutionen gemeldet und somit gegen seine Bewehrungsauflagen verstoßen hat, immer noch sucht. Doch erkennt Javert Valjean nicht sofort als eben diesen Ex-Sträfling. Die vorhin erwähnte Mutter namens Fantine (Anne Hathaway) kann seit ihrer Kündigung ihr Kind nicht mehr ernähren und da es Frauen im Frankreich des 19. Jahrhunderts ohne Ehemann generell etwas schwerer haben (um es euphemistisch auszudrücken), sieht sie keinen anderen Ausweg als in die Prostitution. Dort wird sie zufällig von Valjean (der Typ läuft verdammt oft zufällig in ältere Bekanntschaften...) entdeckt und aufgrund ihrer physischen Verfassung in ein Krankenhaus gebracht. Dort beichtet sie Valjean, dass sie das alles nur tat um ihre Tochter Cosette vor so einem Leben zu schützen, stirbt aber noch in derselben Nacht. Valjean, welchem wegen Fantines Kündigung ein immens schlechtes Gewissen plagt, will seine Schuld ihr gegenüber begleichen, sucht ihre Tochter auf und will diese unter anständigen Bedingungen großziehen. Doch mittlerweile ist ihm Javert auf die Schliche gekommen und Valjean muss mit seiner selbsternannten Tochter schon wieder in den Untergrund abtauchen.


Jean Valjean (Hugh Jackman) bei der Zwangsarbeit. 
Mir gefällt der dezente Regenbogen links im Bild.


Ein weiterer Zeitsprung von mehreren Jahren erfolgt und glaubt es, oder nicht, dass war erst mal nur die Vorgeschichte und die erste Dreiviertelstunde des Filmes! Im nächsten Akt kommen sogar noch 5 Charaktere und doppelt so viele zwischenmenschliche Beziehungen dazu. Cosette verliebt sich in einen jungen Studenten namens Marius, dieser auch in sie. Marius ist sehr politisch und kritisch gegenüber Staat und Königshaus, und will mit Freunden eine zweite französische Revolution anzetteln. Éponine, beste Freundin Marius' und ehemalige Stiefschwester Cosettes, ist irrsinnig verknallt in genau diesen, wurde aber von ihm in die Friendzone geschickt. Cosettes ehemalige Stief-/Pflegeeltern wollen ihre Tochter zurück bzw. Valjean ob seines Geheimnisses erpressen und schicken deshalb Javert dem untergetauchten Valjean auf den Hals. Und und und. Wenn ich hier jeden Charakter in die Inhaltsangabe einbinden würde, sitze ich bis zur nächsten Oscar-Nacht noch hier, und darauf habe ich nicht ganz so viel Lust. Die Tiefe und Komplexität ist auf jeden Fall ein sehr großer Pluspunkt für den Film, würde aber den Rahmen eines Onlinereviews sprengen. Daher breche ich an dieser Stelle mit der Inhaltsangabe ab. Merkt euch trotzdem: die Story ist top! Obwohl sie andererseits durch die Anzahl der handelnden Figuren sehr verstreut wird. Manchmal hätte ich doch mehr über die ein oder andere Person und ihre inneren Konflikte bzw. über ihre Konflikte mit anderen Personen erfahren. Denn für einen 2 1/2 Stunden-Film ist die Handlung schon fast zu tief und komplex, um in der notwendigen Zeit erzählt zu werden. Viel zu gern hätte ich mehr Szenen zwischen Javert und Valjean gesehen. *seufz* Interessanterweise scheint dies den Produzenten aber durchaus klar gewesen zu sein, da die meisten Charaktere von ihrer Persönlichkeit doch sehr flach und fast schon klischeebeladen gehalten wurden. Dies könnte aber wiederrum auf die Originalvorlage Les Misérables, ein Roman von Victor Hugo von 1862, zurückzuführen sein.

Aber eigentlich basiert der Film ja gar nicht auf dem Buch, sondern auf dem Musical zu dem Buch! Irgendwer dachte sich wohl (zurecht), es sei eine super Idee aus der Buchvorlage ein Schauspiel mit Gesang zu produzieren. Und gesungen wird in dem Film sehr viel! Um genau zu sein, kann man die gesprochenen Sätze an zwei Händen abzählen, aber dies macht in den meisten Fällen nichts, da alle Schauspieler scheinbar intensiven Gesangsunterricht nahmen und unglaublich gut singen können! Natürlich bleibt es Geschmackssache, ob einem der Gesang gefällt, aber abzustreiten, dass die Darsteller gut singen können, sollte einem doch recht schwerfallen. Einzig bei den choralen Passagen wären Untertitel nett gewesen, da bei diesen doch das ein oder andere Wort verschluckt wird bzw. diese Passagen für Nicht-Muttersprachler der englischen Sprache nicht ganz so leicht zu verstehen sind. Dennoch würde ich die originale englische Kinoversion der deutschen vorziehen, da die Texte einfach besser auf die Buchvorlage abgestimmt wurden.


Vive la France!

Nun zu den Oscars. Les Misérables gewann Oscars in den Kategorien bestes Make-Up und Hairstyling, bester Tonschnitt und beste Nebendarstellerin. Gut, zum ersten Punkt, kurz und schmerzlos: die Darsteller wurden wirklich so hergerichtet, wie man sich die soziale Unterschicht des 19. Jahrhunderts vorstellt. Spitzenarbeit! Warum der Film aber in der Ausstattung nicht gewonnen hat, überrascht eher wenig. Vor allem, da die Räumlichkeiten und sonstigen Requisiten genau wie beim Musical sehr provisorisch und minimal eingesetzt wurden. Der Fokus wurde hier eindeutig auf die Inszenierung der Charaktere gelegt, was man übrigens ebenfalls an Tom Hoopers (bekannt für The King's Speech) typischer, dezentraler Kamerapositionierung erkennt. Die Gesichter der Figuren sind sehr oft nah vor der Kamera in Großaufnahme und leicht vom Zentrum verrückt, sodass man stets noch einen Blick auf das Geschehen hinter diesen Personen hat. So erlebt man die Charaktere viel mehr in ihrem situationsadäquaten Kontext und sie wirken dadurch wesentlich menschlicher.

Der Oscar für besten Tonschnitt war wohl für ein verfilmtes Musical zu erwarten, warum zur Hölle das singende Starensemble bizarrerweise nicht auch den Oscar für die beste Filmmusik erhielt, bleibt mir trotzdem schleierhaft... Ich mein, das ist ein Musikfilm! Mir kann keiner erzählen, dass andere Filme mehr Arbeit und Ambition in ihre Filmmusik gesteckt haben als dieser hier. Man, man, man... nichts mehr hinzuzufügen, denn die Musik ist das wohl größte Highlight in Les Misérables. Eine Schande, dass sie nicht beste Filmmusik erhielten, bleibt einem doch noch lange nach dem Kinobesuch ein Ohrwurm von dem ein oder anderen Lied.

Und nun zu dem wohl umstrittensten Oscar, über den man diskutieren kann, und über welchen in vielen Foren und Onlinefilmdatenbanken hitzig debattiert wird: beste Nebendarstellerin.
Let the Flame-War begin! 
NEIN! Einfach nur NEIN! Anne Hathaway hat gerade einmal 25 Minuten Leinwandpräsenz, wenn es hochkommt. Dafür verdient man keinen Oscar, NEIN! Die Schauspieler singen und spielen ihre Rollen alle mit immens großer Hingabe und befinden sich durchschnittlich auf dem selben Niveau. Anne Hathaway spielt weiß Gott nicht besser. Besonders ihre erste Szene in der Fabrik war unglaublich schwach. Da habe ich den wirklichen Nebendarstellern (diejenigen, die in den Credits gaaaaanz unten erst erscheinen) ihre Rollen noch viel eher abgekauft! Sie bekam genau für eine, ich wiederhole, eine einzige Szene den Oscar. Nämlich für ihre Interpretation des Liedes I dreamed a Dream. Und ja, sie singt dieses Lied außerirdisch schön und mit viel Emotion. Aber nur weil sie 5 Minuten lang auf die Tränendrüse drückt, hat sie vielleicht eine herzliche Umarmung, einen Blumenstrauß oder viel Applaus verdient, meinetwegen auch Standing Ovations, aber gleich eine so hochanerkannte Auszeichnung??? In den letzten Jahren entwickelt sich in Hollywood allmählich der Trend, Oscars nicht wegen herausragende schauspielerische Leistungen, sondern wegen dem Lebenswerk der letzten Jahre zu vergeben. Sandra Bullock hat in Blind Side 2009 auch nicht überdimensional gut gespielt, sondern ihren Oscar nur erhalten, weil sie schon in unzähligen Filmen davor mitspielte und es "angeblich"(!) längst überfällig war. Diese Meinung teile ich einfach nicht und ja, na gut, kann nix dagegen machen. Aber bitte formt euch diesbezüglich selbst eine Meinung. Schauspielerische Leistungen sind wie immer subjektive Einschätzungen des Betrachters und können genau wie bei Gesang/Musik verschieden sein. Anne Hathaway ist auf jeden Fall richtig gecastet und spielt super, keine Frage! Oscar hätte ich ihr trotzdem keinen gegeben.

Jetzt habe ich aber auch schon genug geredet und euch gelangweilt, und komme lieber prompt zu meiner Empfehlung: wenn euch der Gedanke an permanentes Singen abschrecken sollte, oder ihr generell keine Musicals mögt, dann werdet ihr mit diesem Film wohl wenig Freude haben. Der große, außergewöhnliche Blockbuster ist Les Misérables meiner Meinung nach nicht geworden, aber dank der Handlung und der überaus gekonnten Inszenierung ein guter Film und durchaus einen Kinobesuch wert. Für Musical-Fans ist dieser Film sowieso ein Must-See!

santi



Post Scriptum:
Hier habt ihr noch ein paar Links zu Bildern, welche Tom Hoopers typische Kameraführung, welche man auch in The King's Speech reichlich zu sehen bekommt, veranschaulichen sollen. Er verwendet sie zwar gerne, aber selbstverständlich nicht exzessiv.

23. Januar 2013

Whores' Glory

Thriller        Check!
Action         Check!
Sci Fi          Check!
Fantasy       Check!
Superhelden Check!
Drama         Check!
Komödie     Check!
Dokumentation ... Hm, einen Dokumentarfilm reviewte ich in der Tat noch nie. Habe auch keine Ahnung wie ich sowas bewerkstelligen soll. Könnte also interessant werden. Und genau wie zu meinem Artikel Beasts of the Southern Wild gibt es für folgenden Film ebenfalls einen aktuellen Anlass, warum ich ausgerechnet über diesen schreibe! Der Titel hat wahrscheinlich ohnehin die Aufmerksamkeit von so manchem Perversling unter euch geweckt, also komme ich gleich zur Sache. Und nein, das meinte ich nicht zweideutig! -_- Am kommenden Donnerstag steht der Fernsehabend des Österreichischen Rundfunk im Schwerpunkt von österreichischen Filmemachern. So premieren gleich 2 Filme im Fernsehen: Atmen, ein Drama um einen 19-Jährigen Strafhäftling, der mit seiner neugewonnen Freiheit und seinem neuen Leben zurechtkommen muss, und Whores' Glory, eine Dokumentation über das Leben von Prostituierten rund um den Globus. 




Der Regisseur Michael Glawogger sucht sich für seine cineastische Recherche drei sehr exotische Szenerien aus, in welchen der Zuseher mit Sex handelnde Frauen wohl noch nicht zu Gesicht bekam, und teilt dementsprechend seinen Film in 3 Teile. Erster Teil zeigt ein Bordell in der Stadt Bangkok, in welcher es üblich ist, dass die Frauen in isolierten Zimmern hinter einer Glasscheibe sitzend zur Schau gestellt werden. Vor der Scheibe machen es sich die Kunden auf Sofas bequem und diskutieren sogar miteinander, welche wohl die Hübscheste sei oder auf welche man gerade Lust hat. Dieses Kapitel soll darstellen, wie sehr man einen Menschen (in diesem Fall Frauen) als Produkt herab werten kann und nicht mehr als selbstständig denkendes Individuum wahrnimmt. Wie Schaufensterpuppen haben die Frauen zu warten und sich zu präsentieren. Der Freier ruft sie nicht beim Namen, sondern per Nummer auf. Was für welchen Preis gemacht wird, entscheidet der Chef.

Abschnitt 2 zeigt ein Stadtviertel von Faridpur in Bangladesch, der sogenannten "Stadt der Freude". Und ja, in der Tat, hier erstreckt sich das Bordell Häuser weit durch die Gassen der Stadt, anstatt sich auf ein einzelnes Gebäude zu begrenzen. Hier arbeiten die Prostituierten nicht nur, sondern hier wohnen, essen und schlafen sie auch. Manche ziehen hier sogar ihre Kinder groß. Ihre thailändischen Kolleginnen (falls man es so nennen kann) sind wenigstens in der Lage abends nach Hause zu gehen, aber hier in Faridpur gelten offensichtlich andere Regeln, sowie Ränge unter den Frauen und Mädchen, welche ihre Geschäfte zum Großteil selbst organisieren bzw. von einer "Big Mama" (mir fällt leider kein anderer Begriff dafür ein) geleitetet werden. Die älteren, erfahreneren wohnen in größeren Zimmern, die jungen müssen mehr arbeiten. Täglich kommen neue junge Mädchen ohne Ausbildung oder Arbeitserfahrung vom Land in die Stadt um ein bisschen Geld zu verdienen, und ohne jegliche Jobaussicht entscheiden sie sich für die Prostitution. Ihnen wird von den Älteren sogar weisgemacht, dass sie sich glücklich schätzen können, hier zu arbeiten. Sollte sich eine beschweren, landet sie auf der Straße, wohingegen in den Bordellvierteln doch ein gewisser Schutz untereinander herrscht, man ein Dach über dem Kopf hat und versucht sich umeinander zu kümmern. Eine Art goldener Käfig. Dieses Kapitel soll die Aussichts- und Hoffnungslosigkeit dieser jungen Frauen den Zusehern näherbringen.

Kapitel 3 wurde in der mexikanischen Stadt Reynosa gedreht, nahe der amerikanischen Grenze bei Texas. Auch hier arbeiten die Frauen in eigenen Bezirken, aber anders als in Bangladesch werden diese Zonen extra für sie errichtet und von Polizisten bewacht, sollte sich ein Freier mal ungut verhalten. Hier sind sie sich ganz selbst überlassen und müssen ihre eigenen Zimmer mieten. Ihre Freier können sie sich aber selbst aussuchen und die Preise eigenmächtig festlegen. Diese Episode des Filmes zeigt, wie Prostitution nicht nur ein demütigender Akt ist, der den Frauen von einer befehlenden Instanz direkt aufgezwungen wird, sondern von ihnen als tatsächliche Arbeit betrachtet wird. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss man natürlich für sich selbst entscheiden.

Die große Stärke des Filmes ist das kommentarlose Bild. Zu keinem einzigen Zeitpunkt der knapp zwei Stunden langen Doku spricht der Regisseur, und lässt immer nur die Frauen und die Freier reden. Zwar stellt er schon Fragen (welche nicht gezeigt werden), meistens lässt er aber die Gedanken der gefilmten Personen schweifen und fängt so viel besser ihre wahre Gefühlslage ein. Michael Glawoggers eigenen Ansichten zu Prostitution bleiben dem Zuseher verbal verborgen und er muss nur anhand des Bildmaterials sich eine eigene Meinung formen. Dieser Stilgriff gibt jeder Location ein ganz eigenes Momentum, hat aber als Konsequenz, dass irgendwie kein roter Faden zustande kommt und man auch keinen so richtigen Appell entdecken kann, obwohl die Grundthematik sich konsequent und konstant durch den ganzen Film zieht. "Wohin will der Regisseur mit dem Gezeigten?", könnte man sich fragen. Dies verleiht dem Film leider eine gewisse Langatmigkeit, welche aber durch die Dreiteilung der Ortschaften leicht aufgehoben wird, dennoch bei manchen Leuten (besonders bei denjenigen, die lange Dokus nicht gewöhnt sind) wahrscheinlich für Langeweile beim Fernsehen sorgen kann.

Trotzdem ist Whores' Glory eine sehr sehenswerte und (bedingt durch die Kommentarlosigkeit) unkonventionelle Dokumentation über ein Milieu, dessen innere Strukturen vielen Leuten unbekannt ist, und kann sich hervorragend zu Glawoggers anderen Spitzendokus Megacities und Workingman's Death dazugesellen.

santi

17. Dezember 2012

Beasts of the Southern Wild

Ich liebe es in Filme zu gehen, von denen ich keinen blassen Schimmer habe, um was sie handeln könnten. Genauso war es bei Beasts of the Southern Wild bei der diesjährigen Viennale. Weder Trailer, noch sonstiges Footage aus dem Film waren mir bekannt. Nicht einmal auf Wikipedia oder Metacritic las ich mir Handlung oder Kritiken durch. Einzig die Viennale-Rezension, welche leider oft mehr Hirnwichserei als hilfreich oder informativ sind, und eine Empfehlung meines Mitbewohners ("Wird dir gefallen, aber ich sag dir nicht, worums geht. Ätsch!") unterliefen mir auf dem Weg ins Kino. Und so kam es mal wieder, dass sich euer lieber Santi nichtsahnend in seinem Kinosessel zurücklehnte, imposante Bilder bestaunte, über zwischenmenschliche Beziehungen nachdachte, sich wunderte, was da gerade auf der Leinwand passierte, und nach dem Abspann überraschend feststellte, dass ihm dieser Film sogar ganz gut gefallen hat, obwohl er bis zum Bier danach nicht ganz wusste, warum eigentlich...




Der Film spielt in den Jahren nach der Milleniumswende und ist angesiedelt im amerikanischen Südosten (Mississippi, Louisiana), wo dichte Wälder und langsame Flüsse die Flora, sowie Mosquitos und Alligatoren die Fauna prägen. Dort lebt das junge 6-jährige Mädchen Hushpuppy zusammen mit ihrem strikten, aber zugleich fürsorglichen Vater Wink in der Kommune "The Bathtub". Diese Ortschaft grenzt einige Kilometer landeinwärts an einen riesigen Damm an, der die dahinterliegenden Fabriken im Falle von Hochwasser schützen soll, und so quasi das Land von der Stadt trennt. Das Leben ist simpel und nicht auf finanziellen Erfolg getrimmt, sondern um das miteinander leben und das Überleben. Tiere werden selbst gehalten, der Alkohol selbst gebrannt. Es ist ein rustikales Dasein, wenn man so will, aber anstatt von landwirtschaftlich bebauten Feldern wird der Alltag vom Sumpf beherrscht. Die Schulen sind ebenfalls sehr rabiat organisiert. So erzählt die unterrichtende Lehrerin nicht über Mathematik oder Englischkenntnisse, sondern von Prophezeiungen über zerstörerische Stürme, globale Erwärmung, Hokuspokus und über in der Eiszeit in das ewige Eis eingesperrte Auerochsen. Diese Auerochsen würden bald durch die globale Erwärmung befreit werden und wieder die Ländereien der Menschen heimsuchen.

So kommt es, dass eine dieser Prophezeiungen tatsächlich wahr wird und ein Hurrikan durch das Land fegt. Möglicherweise Hurrikan Katrina? Die meisten Menschen fliehen aus The Bathtub, aber Wink und Hushpuppy bleiben zusammen mit einer Hand voll Freunden und Bekannten zurück. Gemeinsam stellen sie sich dem Hochwasser und den Rettungsversuchen der modernen Zivilisation, die mit Bergungshubschraubern die Überlebenden der Flut gegen deren Wunsch in ein Hilfslazarett transportieren will. Zusätzlich beginnt Wink unter einer dubiosen Krankheit zu leiden und versucht seiner Tochter in seinem Leben noch so viel wie möglich beizubringen, nichtsahnend, dass die vorhin erwähnten Auerochsen durch einen Gletscherbruch in der Antarktis wirklich wieder befreit wurden und nun unaufhaltsam Richtung Bathtub marschieren.

Nach dem Film begab sich meine Filmgruppe auf eine lange Suche durch die Innenstadt, ein nicht-überfülltes Lokal zu finden. Samstagabend gleicht dieses Unterfangen einem Spießrutenlauf. Nach 20 Minuten wurden wir schlussendlich doch noch fündig und palaverten über den tieferen Sinn der Geschichte von Beasts of the Southern Wild. Was war nun die Botschaft? Gibt es überhaupt eine? War der Film vielleicht eine Kritik über die Klima-Resolutionen des Kyotoprotokolls, welches scheinbar zum Scheitern verurteilt ist? Oder ist es eine Anspielung an die viel zu langsame Aufbauhilfe und chaotische Innenpolitik des George Walker Bush nach dem Hurrikan Katrina? Oder sollen vielleicht soziale Probleme zwischen den Gesellschaftsschichten, angetrieben durch zu große Industrialisierung und dem Stadtdrang der Bevölkerung, Thema des Filmes sein? Und was hat es mit diesen Auerochsen auf sich? Sind sie die Bestien des wilden Südens? Oder ist das vielleicht doch jemand anderes? Geht es in Wirklichkeit um die psychische Reifung der Protagonisten?

Das Schöne an  Beasts of the Southern Wild ist, dass er so viele dieser Thematiken anschneidet, aber sich nicht ausschließlich mit ihnen befasst. Dadurch kommt ein dynamischer Mix zustande, welcher folglich den Zuseher über genau diese Aspekte des Lebens zum Nachdenken bringt, aber ihn nicht mit unnötigen Informationen überrumpelt, sondern seinen Verstand mit beeindruckenden, unvergesslichen Bildern, einem verzaubernden Soundtrack und klugen Dialogen füttert. Stars des Filmes sind letztendlich das Vater-Tochter-Duo Hushpuppy und Wink, gespielt von Quvenzhané Wallis und Dwight Henry. Die Leinwandpräsenz der Beiden ist unglaublich hoch und ihre Charaktere mit einer unfassbaren Leidenschaft gespielt und zwischenmenschlicher Tiefe bestückt, die man in vielen Blockbustern der heutigen Zeit vermisst. Henry Dwights Cast ist sogar nur zufällig während der Dreharbeiten zustande gekommen, da er schon einmal Zeuge von so einem Jahrhundertsturm wurde. Der eigentliche Fokus von Beasts of the Southern Wild liegt eindeutig in der Vater-Tochter-Beziehung, ist unsere Filmgruppe zum Entschluss gekommen.

Der Film kommt schon diese Woche im deutschsprachigen Raum in die Kinos und wem genau ich diesen Film empfehlen soll, weiß ich leider nicht, da er eben nicht in ein konkretes Genre fällt und es fast schon jedem selbst überlassen ist, was er in diesem Film sehen mag. Sogar das Verhältnis zwischen Hushpuppy und Wink kann verschieden interpretiert werden. Abgerundet wird der intelligente Plot und die einprägsamen Szenen von der Off-Stimme der Hauptdarstellerin, welche die einzelnen Momente des Filmes miteinander verbindet und sie liebevoll aus einer vollkommen eigenen, kindlichen Sicht beschreibt. Aus der Sicht einer 6-Jährigen nämlich. Nicht umsonst heimste Beasts of the Southern Wild bei zahlreichen Filmfestivals den Großteil der Preise ab, für die er nominiert wurden. Sogar Hollywood-Filmkritikergröße Roger Ebert blieb die Spucke weg. Ganz großes Kino und eigentlich jedem zu empfehlen!

santi

19. November 2012

Da-Reun Na-Ra-E-Suh

Die Viennale ist vorbei und ich habe reichlich nachzuschreiben, denn so viele Filme wurden gesehen. Ganze 2 an der Zahl... Fleißig war ich! xD Wie dem auch sei, diese gilt es zu reviewen, obwohl mir das bei "künstlerischen" Filmen schwerer fällt als bei den Blockbuster in den Multiplexxen. Oft komme ich mir nämlich vor, als sei ich einfach nur dumm und würde den tieferen Sinn eines solchen Filmes nicht verstehen. Besonders stark kommt dieses Gefühl auf, wenn alle im Kinosaal, nachdem die Credits fertig heruntergerollt sind, in tosendem Beifall applaudieren und ich einfach stumm in meinem Sessel sitze und mir denke "WTF? Also entweder habe ich 'was verpasst oder ihr seid einfach alle Mitläufer ohne Geschmack.". Bleibt halt die Frage offen, was wahrscheinlicher ist... 
Und wie konnte es anders kommen, dass bei Da-Reun Na-Ra-E-Suh (In another Country), eine südkoreanische Produktion mit einer französischen Hauptdarstellerin, eben genau dieses Muster wieder eintrat. Immerhin war ich dieses Mal nicht der Einzige, der sich dem Geklatsche und dem sozialen Druck am Ende des Filmes nicht unterwerfen wollte.




Die Geschichte beginnt in einem kleinen Strandort im abgeschiedeneren Teil Südkoreas. Die Kamera zeigt die Französin Anne, die scheinbar einen alten Jugendfreund besucht, welcher immer noch leichte Gefühle für sie hat. Um einen klaren Kopf zu bekommen erkundet sie die Stadt und versucht Smalltalk mit Leuten zu führen. Dies funktioniert nur sehr holprig, denn weder kann Anne Koreanisch, noch die Bewohner der Stadt Französisch. Nun sehen wir uns einen 1 1/2 Stunden langen Film an, in dem sich alle Menschen mit gebrochenem (in diesem Fall erbrochenem) Englisch unterhalten. Sounds like fun! Unter anderem lernt sie auch einen netten, Klischee-beladenen (er ist maskulin und scheinbar nicht ganz helle im Kopf) Rettungsschwimmer kennen. Dieser interpretiert ihren Smalltalk aber als Flirtversuche ihrerseits und macht am darauffolgenden Abend wiederrum Annäherungsversuche seinerseits. Die Charaktere sind alle sehr oberflächlich gezeichnet und man weiß eigentlich nicht genau, was sie denken und warum sie sich für gewisse Handlungsakte entscheiden. Wie es danach weitergeht, habe ich leider vergessen. Denn schon zu diesem Zeitpunkt schaltete mein Gehirn auf Leerlauf.

Es wurde aber abrupt aus seinem Wachkoma gerissen, da auf der Leinwand auf einmal ein jüngeres, koreanisches Mädchen zu sehen war, welches in ein Tagebuch hineinschrieb und mit einer Off-Stimme folgenden Text erzählte: "In der zweiten Episode sehen wir nun eine verheiratete Hausfrau, ...blablabla". Auf einmal sieht man die gleichen Leute auf der Leinwand, die sich mit den gleichen Namen gegenseitig ansprechen, jedoch, so scheint es, vollkommen andere Charaktere spielen und sich auch anders verhalten. "Okay", denkt sich mein Gehirn, ohne dem Wissen, dass es sich um andere Charaktere handelt. Denn auf dieses Faktum muss man selbst draufkommen, da es an keiner Stelle erklärt wird. "Also entweder die spielen jetzt andere Charaktere, die nur zufällig gleich heißen. Oder es handelt sich um ein Paralleluniversum. Auf der anderen Seite stand in den Filmrezessionen nichts von Science Fiction drinnen. Oder die Hauptcharaktere sind immer noch die gleichen, aber durch die Bank alle schlagartig schizophren geworden. Und falls es andere Charaktere sein sollen: spielen die zeitlich nacheinander oder sind es unabhängige Geschichten? Und wenn es voneinander unabhängige Geschichten sind, sind diese in der Welt dieses Films real oder auch einfach nur von diesem Gott-Mädchen erfunden?" Diese verheiratete Hausfrau mit dem Namen Anne, gespielt von der gleichen Französin (Isabelle Huppert), will anscheinend ein Abenteuer erleben und trifft sich in dem Strandort mit ihrem koreanischen Liebhaber gleichen Alters. Da dieser zu spät kommt, motiviert sie sich die Stadt zu erkunden. Stadt erkunden, das kennen wir doch von vorher! Ihr Liebhaber kommt sie endlich abholen und sie besuchen den Strand, wo Anne Smalltalk mit dem Rettungsschwimmer führt, was ihren Liebhaber sehr zur Eifersucht und dementsprechend zur Weißglut treibt. Smalltalk mit Rettungsschwimmer...das Muster hatten wir doch auch schon! Immer noch veranlasst mich nichts dazu, jedwede Sympathie für die Charaktere zu entwickeln, da sie einfach viel zu hohl sind. Zu Beginn dachte ich auch, der Film sei eine Anspielung auf Lola rennt! oder Krzysztof Kieślowski's Drei-Farben-Trilogie. Filme, in denen immer wieder der gleiche Handlungsstrang aufgegriffen wird, aber stets ein entscheidendes Detail an einer bestimmten Stelle verändert wurde, was die Handlungsstränge dazu veranlasst, vollkommen verschiedene Wege einzuschlagen. Vielleicht besteht ja noch Hoffnung für diesen hier...

Und BAM! Das südkoreanische Mädchen taucht wieder auf der Leinwand auf und schreibt wieder in ihrem Tagebuch. "In dieser dritten Geschichte...". "Oh Gott, der Scheiß beginnt NOCHMAL von vorne???" Fragend und verzweifelt blicke ich zu meinem Bruder hinüber, welcher sich bereiterklärte sich mit mir diesen Film anzusehen. Seine Seele wurde aber bereits verschlungen, denn nicht nur liegt sein Kopf nach hinten in seinem Nacken, auch Sabber rinnt ihm aus den Mundwinkeln. Vielleicht ist er auch einfach nur eingeschlafen, wecken wollte ich ihn trotzdem nicht. Denn seine Träume sind mit Sicherheit unterhaltsamer als dieser Streifen. Oh, wie ich ihn beneidete! Als guter Bruder hätte ich ihm den Speichel vielleicht abwischen sollen ...ich war anderweitig beschäftigt. Nämlich dem grandiosen Drehbuch zu folgen, welches anscheinend in zwei Tagen auf einer Toilette geschrieben wurde, weil der Autor dort mit einer Magendarmgrippe festsaß. In der dritten Episode besucht die Französin Anne Südkorea um über ihre Scheidung hinwegzukommen. Sie unternimmt einen Stadtrundgang (wie originell) und trifft unseren Rettungsschwimmer (noch origineller). Ganz ehrlich: ich habe vergessen wie der Film ausgeht.

Das einzig Gute an diesem Film sind, und jetzt kommt's, die koreanischen Schauspieler! Meine Fresse, jeder von denen verkörpert seine Rollen (so schlecht sie auch geschrieben sind) super und mit Ambition. Sie bemühen sich richtig, dass die Figuren plausibel und halbwegs realistisch auf das Publikum wirken. Mein Bruder versuchte zwar die Leistung von Isabelle Huppert zu verteidigen, aber meiner Meinung spielt sie alle ihre Figuren vollkommen überzeichnet. Wäre ich in der mentalen Lage gewesen zu lachen, hätte ich es auch getan. Und warum liebt dieser Regisseur es so sehr, die immer gleichen Kameraeinstellungen zu nehmen?

Soll der Film nun eine Anspielung auf die babylonische Sprachverwirrung sein und wie sehr Menschen aneinander vorbeireden können? Oder will er zeigen, dass soziale Normen (zum Beispiel: Flirtrituale) in anderen Kulturkreisen verschieden wahrgenommen werden? War der Film vielleicht nur als Experiment gedacht, die gleichen Menschen für verschiedene Rollen einzusetzen? Oder vielleicht nur eine Isabelle Huppert One-Woman-Show. Unabhängig von diesem unbekannten Entstehungsgedanken scheitert das Endresultat fast schon kläglich daran eine klare Botschaft zu vermitteln, und nach dem Verlassen des Kinosaals bleibt wenig Raum um sich über diesen Film konstruktiv zu unterhalten. Man versucht eher herauszufinden, was das alles zu bedeuten hatte und es in einen Zusammenhang zu bringen. Vielleicht war auch genau das das Ziel von Regisseur Hong Sang-soo, nämlich dass er seinem Film keine Botschaft verleihen wollte und der Zuseher sich am Ende selbst eine Interpretation zusammenreimen soll, kann oder muss. Scheinbar hat diese Absicht besser gefruchtet als ich es für möglich hielt während dem Kinobesuch. Denn nach der Vorstellung gab es den in meiner Einleitung besagten Applaus und ständig wurden über die gleichen Witze gelacht. Ich fand diese aufgesetzten Belustigungsversuche eher traurig und damit, so denke ich, bin ich nicht der Einzige, wenn man die 6er-Wertungen auf Metacritic und IMDB begutachtet. Vielleicht ist der Film ja eh besser als ich es mir selbst und mit diesem Artikel auch euch versuche einzureden, aber er hat mich persönlich, andere scheinbar nicht, einfach in so vielen Belangen gestört, verwirrt und gelangweilt...


santi

21. August 2012

Prometheus - Dunkle Zeichen

Lange freute ich mich darauf, Prometheus endlich sehen zu können. Das neueste Werk von Ridley Scott versprach auch viel. Neue Fragen UND neue Antworten zur Alien-Saga. Nach fast einer ganzen Dekade mittelmäßiger Hollywoodschinken, befürchteten einige, Ridley Scott hat seit seinen letzten großen Hits Gladiator, Black Hawk Down und Hannibal das Handwerk verlernt und werde wohl bald Opfer seines Alters. Diese scheinbar beginnende Senilität sei in seinem letzten Film Robin Hood unverkennbar der neue Marionettenspieler, welcher Ridley die Fäden der Macht aus der Hand nahm und nun selbstständig agiere. Der Gute ist auch immerhin schon 75. In dem Film Königreich der Himmel erkannte man schon seinerseits eine leichte negative Tendenz Richtung schlechtem Storytelling. Den Höhepunkt fand dieser Trend vor 2 Jahren in eben den gerade genanntem Film Robin Hood. Auf der anderen Seite machte der erste Teaser zu Prometheus (hier zu sehen auf Youtube) den Eindruck, der alte Lehrmeister des Science Fiction Genres besinne sich wieder auf seine alten Fähigkeiten und erweckte Hoffnung auf Großes. Ridley Scott versprach Großes. Was dabei herauskam, ist ein visuell sehr imposanter Film, welcher es seit langem wieder versteht, die 3D-Technologie halbwegs effektiv einzusetzen, ohne dabei das Publikum potenziellen Kopfschmerzen oder Brechreizen auszusetzen. Aber leider ist er ein inhaltlich sehr magerer Einheitsbrei, welcher durch seine immens einfältigen Drehbuchkonzepte und fast schon psychisch gestörten, von Stereotypen durchtränkten und unrealistisch gezeichneten Charakteren jeglichen Anspruch auf eine seriöse Bewertung auf einer 10-Punkte-Skala verliert. Und ja, ich bin mir durchaus bewusst, dass ich hier gerade die Worte "Unrealistisch" und "Science Fiction" im selben Zusamenhang verwende. Aber nur weil es ein Science Fiction Film ist, bedeutet dies nicht, den Personen kein Gehirn mit auf ihrem Weg geben zu können. Wer mich kennt, weiß, dass gutes Aussehen alleine bei mir nicht ausreicht, eine bessere Note zu verleihen. Geschweige denn, die Optik in das endgültige Zeugnis miteinfließen zu lassen. Dementsprechend lege ich bei Spielen großen Wert auf Spielmechanik, Geschichte und Steuerung. Da es bei einem Film mangels der Tatsache, dass er eben nur ein Film ist, keine Steuerung oder sonstige Interaktionsmöglichkeiten gibt, wiegt sich das Gewicht der Geschichte wesentlicher auf ein gutes Kinoerlebnis auf.




Die Einleitung war lang, darum wird die Inhaltsangabe umso kürzer und zynischer ausfallen.
Im Jahr 2093 fliegt das Raumschiff Prometheus zu einem erdähnlichen Mond. Diese Idee ist übrigens überhaupt nicht von James Cameron geklaut. Die Crew befindet sich in einem Kältetiefschlaf, wobei sie interessanterweise problemlos träumen können. Währenddessen "bewacht" der Android David das Raumschiff, damit sie in den leeren Weiten des Universums ja nicht ein Eichhörnchen überfahren oder aus der Kurve rutschen. Er sorgt dafür, dass die Triebwerke online bleiben, da man im Weltall ja permanent einen Antrieb braucht und nicht von alleine durch die Gegend fliegen kann, isst und trinkt, schaut fern und verbraucht noch auf allerlei andere Art und Weise wertvolle Ressourcen. Ein Android kann sich ja leider nicht so elegant wie ein Mensch auf Standby schalten...

Bei dem Mond angekommen werden die Crewmitglieder von David aufgeweckt und lernen sich zum ersten Mal kennen und werden über ihre Mission gebrieft. Das Stellenangebot in der Zeitung muss der totale Hammer gewesen sein, dass ich mich für eine jahrelange, Lichtjahre von der Erde entfernte Mission einschreibe, ohne vorher zu erfahren, wer meine Kollegen sein werden, wie lange die Reise dauern wird oder was überhaupt meine Aufgabe sein wird. *seufz* Bei diesem Briefing wird erklärt, dass die Hauptwissenschaftlerin an Gott glaubt, keiner auf dem Schiff sich verpflichtet fühlen muss, bei wissenschaftlichen Entdeckungen dies den anderen mitzuteilen, und achja, die Suche nach intelligentem Leben, welches vielleicht die Menschheit erschaffen hat.

Auf dem Mond angekommen finden sie nach zehn Sekunden schon genau das, was sie suchten: Zeichen von intelligentem Leben, nämlich gerade Striche. Wirkliches Zitat: "Gott erschafft nicht in geraden Linien". Eine unter dem Mikroskop betrachtete Schneeflocke oder komplexe Molekularverbindungen weisen ja auch keine geraden Striche auf. Übrigens: der Mondplanet ist 10mal größer als die Erde, was ihre sekundenlange Suche sehr seltsam macht. Aus meiner Sicht hätten sie diesen Ort schon nach 5 Sekunden finden müssen! 

Wie dem auch sei, dort gelandet, besprechen sie nicht etwa einen Einsatzplan oder verteilen Aufgaben und Rollen. Dies ist auch nicht wirklich notwendig, da jeder nur ein Stereotyp ist und lediglich dazu dient, irgendwann einen Satz zu sagen, um den Plot voranzutreiben, oder zu sterben. Dies scheint jeder Person vollkommen bewusst zu sein. Also macht sich die Hälfte der Crew kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf zu dem gerade entdeckten Gebäude, ohne vorher nach anderen Zeichen von künstlichen Gebildnissen oder Städten Ausschau zu halten. Apropos Stereotyp: der Schwarze stirbt am Ende und ist der Coolste von allen. Aber das sollte euch ohnehin nicht überraschen.


Rapace als weibliche Heroine. Man beachte bitte ihren weltfernen Blick.


In dem runden Gebäude, welches sie "Pyramide" nennen *seufz*, kartografieren sie mithilfe von selbstsuchenden, fliegenden Dragonballs die Umgebung und gehen los. Nachdem eine von den Pseudowissenschaftlern das Luftgemisch analysiert hat, meint sie, dass der CO2-Wert im Inneren der runden Pyramide nicht toxisch und die Luft im Grunde atembar sei. Kluge Wissenschaftler wie alle nunmal sind, nehmen sie prompt alle ihre Helme ab und empfangen ihre Idioten-des-Jahres-Awards. Es können ja sonst keine anderen giftigen Gase, tödliche Viren oder Bakterien in der Luft herumschwirren. Dass sie ihre Keime nun in die Atmosphäre pumpen stört auch niemanden. Auf ihrem Weg weiter ins Innere fassen sie alles mögliche mit ihren Patschehänden an und übertragen Video- und Audiosignale in die Prometheus, ohne diese zu speichern oder archivieren. Aber warum sollten sie das alles aufzeichnen? Empirische Wissenschaft funktioniert nun mal so, dass man alles blindlings angreift und KEIN Protokoll führt. Auf einmal finden sie einen toten Alienkörper und sind nicht darüber schockiert, dass es doch intelligentes Leben im Universum gab. Auf der Erde gibt es das ja scheinbar nicht. Also nehmen sie den Kopf des Außerirdischen mit, welcher glücklicherweise schon vorher enthauptet war, und gehen wieder zum Schiff zurück. Dies machten zwei von ihnen schon vorher, da sie ja nur Geologen sind und so ein totes Alien keine große Entdeckung in ihren Augen darstellt. Klug wie sie sind verlaufen sie sich in der Pyramide und klug wie alle anderen im Raumschiff sind, versuchen sie nicht, sie per Funk durch das Gebäude in die Freiheit zu lotsen. Randbemerkung hier: die ganze Zeit über kartografieren die Dragonballs das Gebäude und übertragen ein 3D-Modell ins Raumschiff, damit die Leute dort die Crew lokalisieren kann. 

Also warum lotsen sie die beiden Verirrten nicht einfach hinaus?!?! BOOOAH, ich bin so knapp davor, mein eigenes Zimmer zu demolieren, weil einfach alle, ALLE (außer den Dragonballs) Idioten sind. Sie sind nicht dumm, sondern wirkliche IDIOTEN!!!! Nur ein einziges Mal tat jemand etwas, was in meinen Augen total logisch, vernünftig und nachvollziehbar war. Nämlich eine der anderen Personen mit einen Flammenwerfer zu grillen! Obwohl ich euch ehrlich sagen muss, ich hätte dies nach einer Weile ohnehin aus reiner Mordlust getan. "Wissenschaftliche Expidition", so ein Pupskack. Ridley Scotts Visionen von unserer Zukunft mögen zwar düster sein, aber in dem Film hier lässt er einen anderen Film wiederauferstehen. Idiocracy! Denn anscheinend bekommt jede Nuss in den 2090er einen Abschluss an der Uni und darf sich Doktor oder Professor nennen. Weiter möchte ich mit der Inhaltsangabe nicht fortfahren, da ab dieser Stelle die sogenannte spannende Handlung beginnt und ich vielleicht endgültig einen Zuckaus auslebe. Wobei dies auch nicht wirklich zutrifft, da Prometheus zwar eine Anlehnung an Alien ist, aber die Horrorelemente zugunsten von Actionszenen und schöner Grafik opfert.


 Der grandiose Fassbender als Android David. Der Typ
gewinnt sicher irgendwann einen Oscar!


Die Schauspieler sind durch die Bank gut und glaubenswürdig gespielt. Für ihre hirnlosen Charaktere und das überaus schlecht und fragwürdig geschriebene Drehbuch können sie ja nichts. Besonders herausstechend ist Michael Fassbender, welcher den Android David spielt. So kühl und emotionslos, dabei doch so überlegt, überlegen und intelligent wie er eben diesen verkörpert, können bestimmt nicht viele. Noomi Rapace, die Sigourney Weaver spielt... eh ersetzt, spielt auch hervorragend. Der einzige, der wirklich ein penetranter Fehlgriff des Casting-Teams war, ist Guy Pearce als 100 Jahre alter Peter Weyland. Guy ist 45 und spielt einen 100 Jahre alten Mann. Warum? WARUM nimmt man nicht einen ALTEN Schauspieler, sondern klatscht ihm so viel Latex Makeup in sein Gesicht, sodass man den Darsteller darunter ohnehin nicht mehr erkennen kann? Kurzweilig wurde ich sogar an die CGI-Orgie aus Benjamin Button erinnert. Wahrscheinlich hegt Ridley Scott eingeheim einen Groll gegen Guy Pearce und hat so nur versucht, ihn geschickt  und unauffällig unter seiner Maske zu ersticken. Ich mag Guy Pearce (Memento, The Time Machine), aber hier war er ein Fehlgriff.

Weswegen auch immer dieser Film bei den Kritikern eine gute Bewertung erhalten hat, bleibt mir ein Rätsel. Die einzige plausible Erklärung hierfür wäre, dass die kollektive Intelligenz der Menschheit jetzt schon zu degradieren anfängt und alle nur noch sabernd vor den Glotzen sitzen, um sich schön aussehende Filme anzusehen und dabei jegliche Ansprüche an ihr Gehirn fallen lassen. Sogar der hochrespektierte Hollywoodkritiker Roger Ebert gab dem Film eine volle Punktezahl. "labeling it a "magnificent ... blend of story, special effects and pitch-perfect casting, filmed in sane, effective 3-D that doesn't distract." und "Ebert thought that the plot, in raising questions and not answering them, made the film "intriguing" and in the "classic tradition of golden age sci-fi".

Entweder sind meine Standards zu hoch oder die der anderen zu niedrig. Ich jedenfalls bin sehr enttäuscht von Prometheus, vorallem deshalb, da im Vorhinein so viel Marketing unternommen wurde und sogar extra Internetseiten wie zum Beispiel die zu Weyland Industries eingerichtet wurden, um die Fans zu teasen. Warum diesen enormen Aufwand, wenn dann so etwas herauskommt? Und warum lässt man so viele Fragen unbeantwortet und erzeugt neue, noch verwirrendere Fragen? Ich werde es wohl nie verstehen...

santi



PS:
Hier verlinke ich euch noch zwei Websites, welche es sich zum Hobby gemacht haben, sämtliche Plotlöcher und Logikfehler zu einem eigenständigen Drehbuch zusammenzufassen. Das Durchlesen zahlt sich auf jeden Fall aus, vorausgesetzt, man kennt den Film zu dem jeweiligen Drehbuch bereits. Ich verlinke dieses Mal aber direkt zu den Prometheus-Skripten. Danke Bernd, dass du mir diese Seiten gezeigt hast! ^^
bbot-badtranscript: prometheus
the-editing-room: prometheus