23. Mai 2013

Iron Man 3

Endlose Filmfortsetzungen ala Saw, Fast & Farious und Paranormal Activity sind leider das Ergebnis eines Trends, in welchem es nicht mehr um originelle Drehbücher oder kreatives Storytelling geht, sondern nur noch um Money-Grabbing. Dementsprechend nimmt die Qualität von vielen Filmreihen zugunsten der Quantität mit jeder weiteren Fortsetzung drastisch ab. Umso erstaunlicher ist es dann, wenn tatsächlich mal ein zweiter, dritter oder sogar vierter Teil eines Filmes erscheint, bei welchem sich herausstellt, dass er nicht nur gut, sondern sogar besser als die Vorgänger ist!




Genau dies trifft auf den neuesten Superheldenfilm von Marvel zu, Iron Man 3. Noch actiongeladener wartet diese Fortsetzung mit einer erdrückenden Düsternis auf. Nach den Ereignissen in The Avengers fühlt sich Hauptfigur Tony Stark so stark (hihi Stark-stark, get it?) mit seinem Alter Ego Iron Man und seinem Kampfanzug verbunden, sodass er seine ganze Freizeit für dessen Modifikationen investiert und sich ohne Anzug immens angreifbar fühlt. Physisch, sowie psychisch. Dem nicht genug taucht auch noch ein weiterer Antagonist auf der Bühne auf, hervorragend gespielt von Guy Pearce. Dieser schwor sich nach einer verletzenden Absage Tonys bezüglich eines Interviews nicht nur persönliche Rache an eben diesen, sondern will mit einer neuentdeckten biologischen Waffe auch das internationale Waffengeschäft an sich reißen. Im Zuge der Auseinandersetzungen gegen fast unbesiegbare und biologisch mutierte Ex-Soldaten findet sich Tony schlussendlich in einer Situation wieder, in welcher er zeitweise vollkommen auf seinen Kampfanzug verzichten muss. Der dritte Teil der Filmserie legt seinen Hauptfokus darauf, wie Tony Stark auch ohne seinen Kampfanzug seinen Pflichten als Iron Man nachgeht. Er IST Iron Man! Sei es mit, oder ohne Anzug.

Nicht nur wirkt der Film düsterer als seine Vorgänger, er hat auch (bedingt durch den neuen Regisseur Shane Black) das lockere Comicfeeling aufgegeben. Man fiebert nun wirklich für Tony mit, welcher verletzlich und schutzlos ohne seinen Anzug versucht seine Superheldenidentität zu definieren. Es hängt eine permanente Gefahr in der Luft, dass das Abenteuer vielleicht doch nicht gut für den Protagonisten ausgehen könnte. Die Effekte werden dank wachsender Erfahrung seitens Marvel Studios und immer besser werdenden Computerprogrammen ebenfalls immer anschaulicher, und die Schauspieler spielen alle durch die Bank solide.

Alles in allem kann ich wohl getrost sagen, dass Iron Man 3 seine beiden Vorgänger in jeder Hinsicht übertrieft und als das bis dato erwachsenste Werk der Marvel Filmstudios fungiert. Einzig allein die sehr willkürliche Vernachlässigung von Physik, Biologie oder generell Realismus könnte man anprangern, oder das Iron Man am Ende des Filmes doch keinen Sidekick bekommt, wie ich so sehr erhofft habe. Aber als Superhelden-, Marvel-, Actionfilm- oder Science Fiction-Fan ist dieser Film fast schon ein Must-See, und auch für den Otto Normalverbraucher des Filmeschauens effektive Unterhaltung.


santi

PS: Auf jeden Fall nach den Credits noch im Saal bleiben!

14. Mai 2013

Life of Pi

Erst 3 Artikel in 4 Monaten? Daran sollte dringend etwas geändert werden. Aber ich muss euch beichten, dass mir in letzter Zeit Schreiben sehr wenig Spaß gemacht hat. Es ist von einem Hobby über viele Monate hinweg neben meinem Studium fast schon zu einer zweiten Arbeit mutiert, welche ich mir selbst wie eine Pflicht auferlegt habe. Die Liste der noch zu schreibenden Reviews wird zusätzlich dazu ebenfalls immer länger und länger, und dementsprechend wird das Schreiben demotivierender, wenn ich diesen riesigen Entwurfhaufen betrachte. Je mehr man zu erledigen hat, desto weniger schafft man am Ende. Und auch die Attitüde, "Das mach ich dann halt morgen", schleicht sich hinterhältig ins Unterbewusstsein ein. Dieses Phänomen kennen sicher ein paar von euch, liebe Leser. Sogar einen "Sendeplan" habe ich mir für Februar und April erstellt, aber diesen ebenfalls undiszipliniert wieder verworfen. Mein Blog soll keine Arbeit für mich sein, sondern mir Spaß machen! Darum beschloss ich kurzerhand, einfach kleine Schritte zu tätigen, mir nicht zu viel vorzunehmen und wieder einen Artikel nach dem anderen zu schreiben, ohne mir jedes Mal denken zu müssen, "Oh Gott, ich muss schnell ein Review zu diesem Film schreiben, sonst läuft er am Ende nicht mehr in den Kinos!" Pustekuchen, sag ich euch! Mit dieser Einstellung ist jetzt hoffentlich Schluss! Genau aus diesem Grund habe ich den Film Life of Pi als Reboot-Artikel ausgewählt.

Namensgebend für den Film ist Pi (ausgesprochen wie das englische Wort für Kuchen, meint aber tatsächlich die mathematische Kreiszahl), ein Mann indischer Abstammung, welcher sich zu Beginn des Filmes in Montreal, Kanada in einem Interview mit einem Buchautor befindet. Diesen Autor können wir gerne Santi nennen, da er praktischerweise das gleiche Problem hat wie ich (und ich mich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann): er leidet an einer massiven Schreibblockade. Über mehrere Ecken hinweg hat Santi erfahren, dass Pi eine atemberaubende, unglaubliche Geschichte zu erzählen hat, welche bis dato viele Menschen inspiriert und ihnen teilweise sogar den Glauben an Gott wiedergegeben hat, sobald Pi seine Geschichte fertigerzählt hat. So treffen sich Santi und Pi nun zum Essen und zum im Park spazieren Gehen, damit Pi mit seiner Geschichte vielleicht auch Santi wieder seine Inspiration zurückgeben kann.




Die Geschichte beginnt mit Pi's Kindheit und Jugend. Er wuchs in Indien auf, absolvierte die Schule, zoffte sich ab und an mit seinen Eltern, übte früh eine Faszination für die großen Religionen dieser Welt aus, verliebte sich zum ersten Mal. Eigentlich recht standard, aber er war glücklich mit seinem Leben. Um Geld zu verdienen, betrieb sein Vater einen Zoo. Da dieser sich nach vielen Jahren leider nicht mehr rentiert hat, beschloss sich sein Vater, mit der ganzen Familie samt Zoo in die Vereinigten Staaten von Amerika zu reisen. Dort sollte man die Tiere an die dortigen Tiergärten verkaufen und sich mit dem gewonnen Geld in Kanada ein neues Leben aufbauen. Die Schicksalsgötter hatten aber andere Pläne und entfesselten während der marinen Überfahrt einen Sturm, welcher das Schiff samt tierischer Ladung und den meisten Reisenden an Bord zum Kentern und kurz darauf zum Sinken brachte. Pi konnte sich während dieser Tragödie auf ein Rettungsboot retten, merkte aber früh, dass er auf diesem nicht alleine war. Am ersten Tag teilte er sein Vehikel noch mit einem Orang-Utan, einem Zebra, einer Hyäne und, zu diesem Zeitpunkt noch unwissenderweise, mit einem Tiger. Die Hyäne machte sich prompt auch schon über Zebra und Orang-Utan her, der Tiger schließlich über die Hyäne und die Reste der anderen beiden Tiere. Pi war von nun an gezwungen, auf einem selbstgebastelten Floß neben dem Rettungsboot herzutreiben, da dieses nun das Territorium des Tigers war.

Somit begann für Pi ein Kampf ums Überleben. Nicht nur musste er Hunger, Durst, Wellen, Stürmen, Einsamkeit und der Hitze der Sonne trotzen, sondern auch lernen, mit dem Tiger umzugehen. Leider liegt der Fokus des Filmes sehr auf dieser Mensch-wildes-Tier-Beziehung und es werden nur wenige wirkliche Momente gezeigt, in welchen Pi fischt, sich ein provisorisches Dach bastelt oder sonst was überlebensnotwendiges praktiziert. Der eigentliche Überlebenskampf gegen die Gewalten der Natur werden gezielt in den Hintergrund gerückt, was ich persönlich halt ein bisschen schade finde. Meine Enttäuschung fußte aber in der Erwartung, einen moderneren Robinson Crusoe zu sehen, und soll eigentlich kein negativer Kritikpunkt sein, da diese Interpretation von "Gefangen sein auf einem Rettungsboot mit einem Tiger" durchaus interessant sind. Life of Pi geht bewusst in eine andere, sehr "fantastische" und märchenhafte Richtung, was man immens an der in der Geschichte vermittelten Spiritualität und der Optik des Filmes erkennt. Beispiele hierfür reichen von menschenfressenden Inseln, über die in allen möglichen Farben des Regenbogens leuchtende Fauna und Flora des Meeres, bis hin zu Pi's Faszination von Religionen, die er quasi schon sammelt wie andere Leute Pokemon fangen. Und hier geht der Regisseur (ich habe die Buchvorlage nicht gelesen) einen sehr gewagten Schritt, da anscheinend in jeder Situation im Leben etwas philosophisches zu finden ist. Seien es nun Jesus, Jehova, Allah, Ganesh oder Buddha, einer von ihnen ist immer präsent und möchte den Menschen Botschaften zukommen lassen.

Wie zu Beginn schon erwähnt, will Pi mit seiner Geschichte Santi seinen Glauben an das Fantastische, vielleicht sogar an Gott zurückgeben. Pi erzählt weiter von seiner Rettung nach knapp 200 Tagen auf Hoher See und dem anschließenden Interview der japanischen Versicherungsgesellschaft, welche herauszufinden versucht, warum das Schiff untergegangen ist. Pi's Geschichte mit dem Tiger, der Hyäne, dem Zebra und den unzähligen märchenhaften, fast schon an reine Erfindung grenzenden Geschehnissen lassen die japanischen Versicherungsbeamten skeptisch werden und fragen Pi, ob sich seine ganze "Reise" wirklich so zugetragen hat, wie er sagt. (Es ist immens schwer über diesen Film objektiv zu reden, ohne etwas zu spoilern). Pi sah ein, dass diese Beamten ihm nicht glaubten, er wollte sie aber "glauben" machen lassen. Er präsentierte ihnen eine zweite, abgeänderte Version, in welcher er sich mit dem Schiffskoch, einem Matrosen und noch jemanden auf das Rettungsboot evakuieren konnte. Nach kurzer Zeit begannen die anderen aber, genau wie die Hyäne und der Tiger, aufeinander loszugehen. Sei dies nun durch Streit, durch Hunger oder durch mentalen Stress passiert. Pi wurde mit dieser Realität nicht fertig und erfand sich daher bewusst die Tiere herbei, um die Geschehnisse zu entmenschlichen. Auf die Frage, welche Variante der Geschichte nun besser gefiele, antworteten bis zu diesem Zeitpunkt alle von Pi's Zuhörern: die Beamten, Santi, seine Freunde, etc.; sie alle antworteten, dass ihnen die Tigervariante besser gefiele. Vielleicht weil die Brutalität des Menschen durch diese Interpretation zumindest erzählerisch getilgt wurde. Die Menschen entschieden sich bewusst für das Unglaubliche, das Fantastische, "und so ist es auch mit Gott", lautet Pi's finaler Satz in seiner Erzählung.


"*Rawr* Ich bin eine Mietze-Katze!"

Der Film ist im Gegensatz zu diesen spirituellen Ansätzen des Plots ironischerweise ein sehr technischer Film. Es wurde zum Beispiel fast nie unter freiem Himmel gedreht und wie bei Titanic damals wurde ein großer Pool gebaut. Alle Tiere sind überaus gelungene, trotzdem eindeutig erkennbare Kreationen von Computerprogrammen, und vieles mehr, von Wetter bis Requisiten (stellenweise sogar das Boot), sind Produkte der Spezialeffekte. Besonders die Visualisierung des Tigers wurde hochgelobt, gewann sogar einen Oscar und ja, es sieht alles unglaublich gut aus, aber trotzdem erkennt man ständig, dass es sich um Effekte handelt. Im Vergleich dazu Jurassic Park oder Iron Man, in denen die Dinosaurier oder die Kampfanzüge umwerfend realistisch aussahen. In einem Zeitalter, in welchem man schon fast lebensechte Animationen erzeugen kann, wirkt der Film leider sehr künstlich. Nichtsdestotrotz sieht der Film gut aus und macht ENDLICH wieder seit Avatar: Aufbruch nach Pandora intelligenten und gekonnten Gebrauch der 3D-Technologie. Zwar ist dieser absolut nicht notwendig gewesen, aber die ein oder andere Kameraeinstellung (Ach, das Schiffswrack *schwärm*) wird dadurch sehr bereichert. Genauso handhabt es sich mit der musikalischen Hintergrunduntermalung, welche die Szenerien immer passend, aber nicht aufdringlich begleiten. Für die besten Effekte und die beste Filmmusik hat der Film verdient den Oscar erhalten. Den Gewinn für die beste Kamera, hm, ja, es gibt schon schöne, einprägsame Einstellungen und manche von denen bleiben einem sicher in Erinnerung, aber dies kann man durchaus anfechten, da einfach so vieles aus dem Computer entspringt...

Hm, habe ich nun zu Gott wiedergefunden? Wohl kaum. Ist meine Kreativität oder meine Motivation zu neuem Leben erwacht? Wir können es nur hoffen. Will man sich Life of Pi ansehen, und ich will auf keinen Fall jemandem davon abraten, sollte man davor gefeit sein, dass es sich nicht um einen actiongeladenen Survival-Thriller handelt, sondern um einen in manchen Belangen langatmigen Film, der eine Reise, eine Selbstfindung, eine philosophische Idee, ein Märchen erzählen will. Dessen Umsetzung macht den Film zwar nicht zum besten des Jahres, aber zumindest zu einem sehr sehenswerten und, meines Erachtens, zu einem der besten 2012.

santi

20. März 2013

Les Misérables

Stellt euch vor, es ist Revolution und keiner geht hin. Stellt euch vor, ihr müsstet euch zwischen der Loyalität zu euren Freunden und der Liebe eures Lebens entscheiden. Stellt euch vor, es gebe nur noch eine einzige Möglichkeit eurer Kind zu ernähren und ein Dach über dem Kopf zu geben. Stellt euch vor, ihr hättet eurem besten Freund bereits mehrmals eure Zuneigung gestanden, diese aber trotz massiver Selbstaufopferung niemals erwidert bekommen. Und stellt euch vor, euer schlimmster Erzfeind rettet euch das Leben. Übt ihr weiter Hass auf ihn aus oder vergebt ihr ihm? Wie würdet ihr reagieren? In Les Misérables sehen sich die vielen Hauptcharaktere mit diesen Szenarien konfrontiert und müssen sich oftmals zwischen Pest und Cholera entscheiden. Daher auch der "elendige" Titel, "Die, denen es miserabel ergeht". Passend zur diesjährigen Oscar-Verleihung vor inzwischen schon etwas längerer Zeit, 4 Wochen in etwa, habe ich jetzt endlich einen der vielen prämierten Filme zu Gesicht bekommen! Und im Gegensatz zu dem Jahr 2004, in welchem Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs alle Konkurrenten vom Platz gefegt hat, gab es dieses Jahr keinen wirklich großen Gewinner. Also mal sehen, ob zumindest das Musical-Epos Les Misérables seine Auszeichnungen verdient hat...




Das Stück bzw. der Film beginnt in Frankreich um zirka 1815. Also nicht allzu lange nach der französischen Revolution. Der Großteil der Bevölkerung lebt nach wie vor in Armut und kämpft jeden Tag aufs neue ums Überleben. Die erste Szene zeigt die Freilassung Jean Valjeans (Hugh Jackman), welcher 19 Jahre gesetzlich auferlegte Zwangsarbeit absolvierte, da er für seinen hungernden Neffen ein Laib Brot gestohlen hat und anschließend vor der Exekutive fliehen wollte. Freigelassen wird er von Oberaufseher Javert (Russell Crowe) leider nicht ganz. Javert entwickelte seit seiner Kindheit nämlich wegen negativen Erfahrungen eine derartige Wut auf die soziale Unterschicht und generell Gesetzesbrechern, sodass er seine Abneigung gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe nun an Valjean auslässt und diesen in seinen persönlichen Papieren als Dieb und Gefahr für die Gesellschaft brandmarkt. Und um das Fass zum Überlaufen zu bringen, setzt er Valjean nur auf Bewährung frei, sodass sich dieser wöchentlich bei einem Polizeiamt zu melden hat. Dementsprechend schlecht läuft auch Valjeans darauffolgende Jobsuche und sein einziger Ausweg aus der Hungersnot und Obdachlosigkeit ist es abermals zu stehlen. Doch dieses Mal verzeiht ihm sein Opfer und Valjean schwört sich, die gestohlene Ware dazu zu verwenden, ein besserer und vorbildlicher Mensch zu werden, welcher anderen, soweit es möglich ist, zu helfen versucht. Mit seinen Papieren kann er dies leider nicht und so taucht er illegal eine Weile unter und nimmt eine neue Identität an.

Ein großer Zeitsprung von mehreren Jahren findet in der Erzählung statt und setzt ein, als eine junge Mutter, Angestellte einer Textilfabrik, von dem dortigen Personalmanager gefeuert wird. Es stellt sich heraus, dass Valjean Chef dieser Fabrik und sogar Bürgermeister der Stadt geworden ist. Zeitgleich trifft Valjean auf Javert, welcher ebenfalls in der Karriereleiter zum Oberpolizeiinspektor (oder sowas) hochkletterte und seinen entflohenen Ex-Sträfling, der sich ja nicht mehr bei den behördlichen Institutionen gemeldet und somit gegen seine Bewehrungsauflagen verstoßen hat, immer noch sucht. Doch erkennt Javert Valjean nicht sofort als eben diesen Ex-Sträfling. Die vorhin erwähnte Mutter namens Fantine (Anne Hathaway) kann seit ihrer Kündigung ihr Kind nicht mehr ernähren und da es Frauen im Frankreich des 19. Jahrhunderts ohne Ehemann generell etwas schwerer haben (um es euphemistisch auszudrücken), sieht sie keinen anderen Ausweg als in die Prostitution. Dort wird sie zufällig von Valjean (der Typ läuft verdammt oft zufällig in ältere Bekanntschaften...) entdeckt und aufgrund ihrer physischen Verfassung in ein Krankenhaus gebracht. Dort beichtet sie Valjean, dass sie das alles nur tat um ihre Tochter Cosette vor so einem Leben zu schützen, stirbt aber noch in derselben Nacht. Valjean, welchem wegen Fantines Kündigung ein immens schlechtes Gewissen plagt, will seine Schuld ihr gegenüber begleichen, sucht ihre Tochter auf und will diese unter anständigen Bedingungen großziehen. Doch mittlerweile ist ihm Javert auf die Schliche gekommen und Valjean muss mit seiner selbsternannten Tochter schon wieder in den Untergrund abtauchen.


Jean Valjean (Hugh Jackman) bei der Zwangsarbeit. 
Mir gefällt der dezente Regenbogen links im Bild.


Ein weiterer Zeitsprung von mehreren Jahren erfolgt und glaubt es, oder nicht, dass war erst mal nur die Vorgeschichte und die erste Dreiviertelstunde des Filmes! Im nächsten Akt kommen sogar noch 5 Charaktere und doppelt so viele zwischenmenschliche Beziehungen dazu. Cosette verliebt sich in einen jungen Studenten namens Marius, dieser auch in sie. Marius ist sehr politisch und kritisch gegenüber Staat und Königshaus, und will mit Freunden eine zweite französische Revolution anzetteln. Éponine, beste Freundin Marius' und ehemalige Stiefschwester Cosettes, ist irrsinnig verknallt in genau diesen, wurde aber von ihm in die Friendzone geschickt. Cosettes ehemalige Stief-/Pflegeeltern wollen ihre Tochter zurück bzw. Valjean ob seines Geheimnisses erpressen und schicken deshalb Javert dem untergetauchten Valjean auf den Hals. Und und und. Wenn ich hier jeden Charakter in die Inhaltsangabe einbinden würde, sitze ich bis zur nächsten Oscar-Nacht noch hier, und darauf habe ich nicht ganz so viel Lust. Die Tiefe und Komplexität ist auf jeden Fall ein sehr großer Pluspunkt für den Film, würde aber den Rahmen eines Onlinereviews sprengen. Daher breche ich an dieser Stelle mit der Inhaltsangabe ab. Merkt euch trotzdem: die Story ist top! Obwohl sie andererseits durch die Anzahl der handelnden Figuren sehr verstreut wird. Manchmal hätte ich doch mehr über die ein oder andere Person und ihre inneren Konflikte bzw. über ihre Konflikte mit anderen Personen erfahren. Denn für einen 2 1/2 Stunden-Film ist die Handlung schon fast zu tief und komplex, um in der notwendigen Zeit erzählt zu werden. Viel zu gern hätte ich mehr Szenen zwischen Javert und Valjean gesehen. *seufz* Interessanterweise scheint dies den Produzenten aber durchaus klar gewesen zu sein, da die meisten Charaktere von ihrer Persönlichkeit doch sehr flach und fast schon klischeebeladen gehalten wurden. Dies könnte aber wiederrum auf die Originalvorlage Les Misérables, ein Roman von Victor Hugo von 1862, zurückzuführen sein.

Aber eigentlich basiert der Film ja gar nicht auf dem Buch, sondern auf dem Musical zu dem Buch! Irgendwer dachte sich wohl (zurecht), es sei eine super Idee aus der Buchvorlage ein Schauspiel mit Gesang zu produzieren. Und gesungen wird in dem Film sehr viel! Um genau zu sein, kann man die gesprochenen Sätze an zwei Händen abzählen, aber dies macht in den meisten Fällen nichts, da alle Schauspieler scheinbar intensiven Gesangsunterricht nahmen und unglaublich gut singen können! Natürlich bleibt es Geschmackssache, ob einem der Gesang gefällt, aber abzustreiten, dass die Darsteller gut singen können, sollte einem doch recht schwerfallen. Einzig bei den choralen Passagen wären Untertitel nett gewesen, da bei diesen doch das ein oder andere Wort verschluckt wird bzw. diese Passagen für Nicht-Muttersprachler der englischen Sprache nicht ganz so leicht zu verstehen sind. Dennoch würde ich die originale englische Kinoversion der deutschen vorziehen, da die Texte einfach besser auf die Buchvorlage abgestimmt wurden.


Vive la France!

Nun zu den Oscars. Les Misérables gewann Oscars in den Kategorien bestes Make-Up und Hairstyling, bester Tonschnitt und beste Nebendarstellerin. Gut, zum ersten Punkt, kurz und schmerzlos: die Darsteller wurden wirklich so hergerichtet, wie man sich die soziale Unterschicht des 19. Jahrhunderts vorstellt. Spitzenarbeit! Warum der Film aber in der Ausstattung nicht gewonnen hat, überrascht eher wenig. Vor allem, da die Räumlichkeiten und sonstigen Requisiten genau wie beim Musical sehr provisorisch und minimal eingesetzt wurden. Der Fokus wurde hier eindeutig auf die Inszenierung der Charaktere gelegt, was man übrigens ebenfalls an Tom Hoopers (bekannt für The King's Speech) typischer, dezentraler Kamerapositionierung erkennt. Die Gesichter der Figuren sind sehr oft nah vor der Kamera in Großaufnahme und leicht vom Zentrum verrückt, sodass man stets noch einen Blick auf das Geschehen hinter diesen Personen hat. So erlebt man die Charaktere viel mehr in ihrem situationsadäquaten Kontext und sie wirken dadurch wesentlich menschlicher.

Der Oscar für besten Tonschnitt war wohl für ein verfilmtes Musical zu erwarten, warum zur Hölle das singende Starensemble bizarrerweise nicht auch den Oscar für die beste Filmmusik erhielt, bleibt mir trotzdem schleierhaft... Ich mein, das ist ein Musikfilm! Mir kann keiner erzählen, dass andere Filme mehr Arbeit und Ambition in ihre Filmmusik gesteckt haben als dieser hier. Man, man, man... nichts mehr hinzuzufügen, denn die Musik ist das wohl größte Highlight in Les Misérables. Eine Schande, dass sie nicht beste Filmmusik erhielten, bleibt einem doch noch lange nach dem Kinobesuch ein Ohrwurm von dem ein oder anderen Lied.

Und nun zu dem wohl umstrittensten Oscar, über den man diskutieren kann, und über welchen in vielen Foren und Onlinefilmdatenbanken hitzig debattiert wird: beste Nebendarstellerin.
Let the Flame-War begin! 
NEIN! Einfach nur NEIN! Anne Hathaway hat gerade einmal 25 Minuten Leinwandpräsenz, wenn es hochkommt. Dafür verdient man keinen Oscar, NEIN! Die Schauspieler singen und spielen ihre Rollen alle mit immens großer Hingabe und befinden sich durchschnittlich auf dem selben Niveau. Anne Hathaway spielt weiß Gott nicht besser. Besonders ihre erste Szene in der Fabrik war unglaublich schwach. Da habe ich den wirklichen Nebendarstellern (diejenigen, die in den Credits gaaaaanz unten erst erscheinen) ihre Rollen noch viel eher abgekauft! Sie bekam genau für eine, ich wiederhole, eine einzige Szene den Oscar. Nämlich für ihre Interpretation des Liedes I dreamed a Dream. Und ja, sie singt dieses Lied außerirdisch schön und mit viel Emotion. Aber nur weil sie 5 Minuten lang auf die Tränendrüse drückt, hat sie vielleicht eine herzliche Umarmung, einen Blumenstrauß oder viel Applaus verdient, meinetwegen auch Standing Ovations, aber gleich eine so hochanerkannte Auszeichnung??? In den letzten Jahren entwickelt sich in Hollywood allmählich der Trend, Oscars nicht wegen herausragende schauspielerische Leistungen, sondern wegen dem Lebenswerk der letzten Jahre zu vergeben. Sandra Bullock hat in Blind Side 2009 auch nicht überdimensional gut gespielt, sondern ihren Oscar nur erhalten, weil sie schon in unzähligen Filmen davor mitspielte und es "angeblich"(!) längst überfällig war. Diese Meinung teile ich einfach nicht und ja, na gut, kann nix dagegen machen. Aber bitte formt euch diesbezüglich selbst eine Meinung. Schauspielerische Leistungen sind wie immer subjektive Einschätzungen des Betrachters und können genau wie bei Gesang/Musik verschieden sein. Anne Hathaway ist auf jeden Fall richtig gecastet und spielt super, keine Frage! Oscar hätte ich ihr trotzdem keinen gegeben.

Jetzt habe ich aber auch schon genug geredet und euch gelangweilt, und komme lieber prompt zu meiner Empfehlung: wenn euch der Gedanke an permanentes Singen abschrecken sollte, oder ihr generell keine Musicals mögt, dann werdet ihr mit diesem Film wohl wenig Freude haben. Der große, außergewöhnliche Blockbuster ist Les Misérables meiner Meinung nach nicht geworden, aber dank der Handlung und der überaus gekonnten Inszenierung ein guter Film und durchaus einen Kinobesuch wert. Für Musical-Fans ist dieser Film sowieso ein Must-See!

santi



Post Scriptum:
Hier habt ihr noch ein paar Links zu Bildern, welche Tom Hoopers typische Kameraführung, welche man auch in The King's Speech reichlich zu sehen bekommt, veranschaulichen sollen. Er verwendet sie zwar gerne, aber selbstverständlich nicht exzessiv.

5. Februar 2013

World of Warcraft: Teufelskreis

Manchmal habe ich das Gefühl, das Schreiben verlernt zu haben. Alles ist fertiggeschrieben, aber einen Anfang für meinen Artikel habe ich immer noch keinen. Die Einfallslosigkeit plagt mich regelrecht. Peinigt meine Seele. Und aus meiner Verzweiflung leite ich diesen Blogeintrag einfach mit einer Abwandlung des ersten Liedes ein, was mir durch den Kopf geht.

In einem weitentfernten Land
Vor gar nicht allzu langer Zeit
War eine Zauberin sehr bekannt
Von der sprach alles weit und breit

Und diese Zauberin, die ich meine, nennt sich Jaina
Kleine, freche, schlaue Jaina Proudmoore
Jaina teleportiert sich durch ihre Welt
Zeigt uns das was ihr gefällt 

Wir treffen heute uns‘re Freundin Jaina Proudmoore
etc etc...

Ich weiß wirklich nicht, warum man mich auf die Menschheit loslässt. Aber halt! Was sagt ihr da? Euch kommt die Melodie dieses Liedes bekannt vor? Genau! Das ist eine Abwandlung von Biene Maja und hat mit dem Thema dieses Textes überhaupt nix zu tun! xD Und so manchem von euch wird der fiktive Charakter Jaina Proudmoore wohl ebenfalls ein Begriff sein. Aber für diejenigen, denen dieser Name unbekannt ist (nur wahre Warcraft-Geeks werden mit diesem Namen etwas anfangen können), eine schnelle Erklärung: Jaina Proudmoore ist eine mächtige, menschliche Zauberin in der fiktiven Welt Azeroth im Warcraft-Universum. Warcraft selbst ist ein Videospiel-Franchise der Firma Blizzard (die prominentesten Spiele(-serien) wären Warcraft, Diablo und Starcraft), zu welchem bereits eine Reihe von Büchern verfasst wurden, um den Fans mehr Hintergrundinformationen bieten zu können. Wie der Zufall nun so will, ist genau diese Zauberin die Hauptakteurin in einem dieser Bücher, World of Warcraft: Teufelskreis. Und ich muss sagen, ich habe schon lange nicht mehr so ein beschissenes Buch gelesen...




Die gesamte Geschichte von Warcraft mag ich jetzt nicht niederschreiben, aber für die, die sich damit nicht so gut auskennen, hier eine Zusammenfassung in Stichworten: Fiktive Welt Azeroth (so wie unsere Erde halt) - vorherrschende Rasse sind die Menschen - Orks kommen aus einer anderen Welt nach Azeroth - Krieg zwischen Menschen und Orks - Dämonen kommen nach Azeroth um es zu zerstören - gemeinsamer Feind: Menschen und Orks kämpfen gemeinsam gegen Dämonen - Dämonen werden besiegt.

Die Handlung des Buches beginnt rund 3 Jahre nach den Ereignissen von Warcraft 3: The frozen Throne. Menschen und Orks versuchen seit der Bezwingung der Dämonen der brennenden Legion in Frieden miteinander auf dem Kontinent Kalimdor zu leben. Der Friede ist aber trügerisch und nach und nach kommt es zu mehreren verbalen, und später auch zu gewalttätigeren Auseinandersetzungen der beiden Völker. Missmut und Neid schwächen das neue Völkerbündnis und der alte Rassenhass keimt langsam wieder auf. Oder steckt vielleicht doch eine Verschwörung dahinter?

Hier beginnt meine Kritik auch schon! Denn bei diesem Buch handelt es sich leider um eine 0815-Geschichte und wenn man schon einmal einen Fantasyroman bzw. Fantasythriller gelesen hat, weiß man von vorne bis hinten, was passieren wird. Was mir ebenfalls negativ aufgefallen ist, dass man unglaublich viel Hintergrundwissen benötigt, um die Geschichte und die Beziehungen der Charaktere zu einander zu verstehen. Zumindest das Echtzeitstrategiespiel Warcraft 3 gespielt zu haben, ist ein Muss, damit einem dieses Buch Spaß macht. Und selbst dann empfehle ich, zuerst das Buch Warcraft: Der letzte Wächter zu lesen, da in diesem viel mehr Informationen zu den Wächtern der Tirisfalen vorhanden ist als in diesem hier.

Der Stil des Textes selbst ist eigentlich ganz interessant. Zwar ist Jaina Proudmoore die eindeutige Heldin der Geschichte, aber jedes Kapitel wird aus der Perspektive einer anderen Person geschildert. Bei 24 Kapiteln verwendet der Autor sage und schreibe 16 verschiedene Perspektiven, wenn ich mich nicht verzählt habe. Dadurch kommt einem die Welt in dem Roman immens belebt vor, aber die Entwicklung und Darstellung der Hauptcharaktere leidet immens darunter, da diese nicht genügend Aufmerksamkeit und Zeit bekommen, um sich zu entfalten. Die Kürze des Buches (gerade einmal 300 Seiten) trägt leider dazu bei, dass die handelnden Personen noch mehr untergehen. So werden in einigen Kapitel neue Charaktere mit recht stereotypen Hintergrundgeschichten vorgestellt und später nie wieder erwähnt. Sie werden einfach fallen gelassen und dienten nur als Medium um für ds Verständnis des Lesers eine zusätzliche Szene einzubauen. Wie gesagt, der Stil ist interessant, aber in Anbetracht der Kürze des Buches eigentlich totaler Schwachsinn und zeugt von einer unglaublichen Faulheit seitens des Autors, eine Geschichte gut zu erzählen. Denn durch diesen permanenten Szenenwechsel behilft sich der Autor selbst, keine komplexe Story konstruieren zu müssen und wichtige Informationen in diesen einzelnen Szenen zu verpacken. Sehr geschickt, aber ich als Leser komme mir sehr meiner Zeit beraubt vor.

Auch tauchen stellenweise unglaubliche Logikfehler auf, bei welchen man sich wahrhaftig an die Stirn greifen mag. Zum Beispiel: *Spoileralarm* Angezettelt von einem Verräter der Orks kommt es zu einem kleinen kriegerischen Intermezzo zwischen Orks und Menschen. Thrall, der Kriegshäuptling der Orks, kommt dem Verräter auf die Spur, fliegt per Luftschiff zu der Schlacht, tötet den Verräter, entschuldigt sich beim Hauptmann der Menschen und die Orks ziehen wieder ab. BITTE WAS?! Da prügeln sich gerade 1000 Orks und Menschen miteinander, sind unglaublich Wut geladen und Blut durstig, Thrall taucht auf einmal auf, sagt "Sorry, unser Fehler. Wir zischen wieder ab.", und das war's dann?!?! *Spoilerende* Hm, kommt es nur mir so vor oder scheint diese ganze Szene nicht sehr durchdacht zu sein? Generell kommen die handelnden Personen viel zu schnell zu Schlussfolgerung, ohne eigentlich großartige Untersuchungen oder eine Suche nach Beweisen durchzuführen. Gepaart mit dem Verschleiß an Charakteren wirkt dieser Roman daher eher wie ein Fan-Fiction eines 15-Jährigen als wie ein in Auftrag gegebenes, professionell verfasstes Buch.

Apropos, noch ein Wort zum eigentlichen Buch, welches ebenfalls einige Mankos aufweist. Erstens gibt es unglaublich viele Rechtschreib-, Tipp- und Grammatikfehler. Wie geht das bitte? Der Übersetzer hat sich offenbar nicht eine Spur Mühe gemacht, sinngerecht zu übersetzen, und den Text durch die Google- oder Microsoft Word Übersetzungsmaschine laufen lassen. Die Verdeutschung mancher Namen ist unglaublich sinnfrei und erzeugt nur unnötige Verwirrungen und Hemmungen im Lesefluss. Warum man Jaina Proudmoore als Jaina Prachtmeer übersetzt hat, werde ich wohl nie durchschauen. Diese Entscheidung war ein eindeutiger Griff ins Klo. Zweitens wird meine vorige These des Fan Fiction ebenfalls durch das Buch bzw. den Schnitt des Textes bestätigt. Denn die Abstände zwischen Text und Seitenrand sind seltsam großzügig. Gerade einmal zwei Drittel der Fläche einer Seite sind bedruckt worden. Dies ist nicht nur Papierverschwendung (in englischen Bücher druckt man für gewöhnlich bis tief in die Buchfalte hinein, um Papier zu sparen), sondern führt mich auch zu der Erkenntnis, dass es sich gar nicht wirklich um 300 Seiten, sondern (wenn man das 2/3-Faktum berücksichtigt) um lediglich 200 Seiten handelt. Auf so wenige Seiten kann man nun mal keine komplexe Geschichte erzählen. Es wirkt einfach so, als ob der Verlag das Buch durch den speziellen Druck ein bisschen dicker aussehen lassen wollte. Und warum konnte man keine kleine Karte dem Buch beilegen? Ich habe zwar die ersten drei Warcraft-Bücher gelesen und Warcraft 3: Reign of Chaos und The frozen Throne gespielt, aber wie die geographische Beschaffenheit der Welt aussieht weiß ich immer noch nicht. Eine Karte wäre ganz nett gewesen.

Alles in allem bereue ich persönlich den Kauf des Buches nicht und trotz der vielen Negativpunkte, auch nicht, es gelesen zu haben. Es handelt sich hier lediglich um einen netten Ausflug in die Welt von Azeroth und man verpasst absolut NICHTS, sollte man diesen Titel hier nicht gelesen haben. Das Buch bringt die globale Hintergrundgeschichte des Franchise kaum voran (einzig die Rückkehr Aegwynns und die Neuentstehung der brennenden Klinge sind erwähnenswert), sondern beschreibt nur einen kurzen Auszug nach The frozen Throne, welcher keinen Einfluss auf irgendwas im Warcraft-Universum hat. Nach Beendigung des Buches wird der Leser feststellen, dass er eigentlich immer noch bei Null steht, genau wie zu Beginn des Buches. Dieser Roman ist für wahre Warcraft-Fans und Jugendliche empfehlenswert, andere Leute sollten hingegen auf jeden Fall die Finger davon lassen bzw. als Einstieg in die Buchserie sich einen anderen Warcraft-Roman aussuchen. Falls sich jemand doch für Teufelskreis entscheiden sollte, auf jeden Fall die englische Version nehmen!

santi

23. Januar 2013

Whores' Glory

Thriller        Check!
Action         Check!
Sci Fi          Check!
Fantasy       Check!
Superhelden Check!
Drama         Check!
Komödie     Check!
Dokumentation ... Hm, einen Dokumentarfilm reviewte ich in der Tat noch nie. Habe auch keine Ahnung wie ich sowas bewerkstelligen soll. Könnte also interessant werden. Und genau wie zu meinem Artikel Beasts of the Southern Wild gibt es für folgenden Film ebenfalls einen aktuellen Anlass, warum ich ausgerechnet über diesen schreibe! Der Titel hat wahrscheinlich ohnehin die Aufmerksamkeit von so manchem Perversling unter euch geweckt, also komme ich gleich zur Sache. Und nein, das meinte ich nicht zweideutig! -_- Am kommenden Donnerstag steht der Fernsehabend des Österreichischen Rundfunk im Schwerpunkt von österreichischen Filmemachern. So premieren gleich 2 Filme im Fernsehen: Atmen, ein Drama um einen 19-Jährigen Strafhäftling, der mit seiner neugewonnen Freiheit und seinem neuen Leben zurechtkommen muss, und Whores' Glory, eine Dokumentation über das Leben von Prostituierten rund um den Globus. 




Der Regisseur Michael Glawogger sucht sich für seine cineastische Recherche drei sehr exotische Szenerien aus, in welchen der Zuseher mit Sex handelnde Frauen wohl noch nicht zu Gesicht bekam, und teilt dementsprechend seinen Film in 3 Teile. Erster Teil zeigt ein Bordell in der Stadt Bangkok, in welcher es üblich ist, dass die Frauen in isolierten Zimmern hinter einer Glasscheibe sitzend zur Schau gestellt werden. Vor der Scheibe machen es sich die Kunden auf Sofas bequem und diskutieren sogar miteinander, welche wohl die Hübscheste sei oder auf welche man gerade Lust hat. Dieses Kapitel soll darstellen, wie sehr man einen Menschen (in diesem Fall Frauen) als Produkt herab werten kann und nicht mehr als selbstständig denkendes Individuum wahrnimmt. Wie Schaufensterpuppen haben die Frauen zu warten und sich zu präsentieren. Der Freier ruft sie nicht beim Namen, sondern per Nummer auf. Was für welchen Preis gemacht wird, entscheidet der Chef.

Abschnitt 2 zeigt ein Stadtviertel von Faridpur in Bangladesch, der sogenannten "Stadt der Freude". Und ja, in der Tat, hier erstreckt sich das Bordell Häuser weit durch die Gassen der Stadt, anstatt sich auf ein einzelnes Gebäude zu begrenzen. Hier arbeiten die Prostituierten nicht nur, sondern hier wohnen, essen und schlafen sie auch. Manche ziehen hier sogar ihre Kinder groß. Ihre thailändischen Kolleginnen (falls man es so nennen kann) sind wenigstens in der Lage abends nach Hause zu gehen, aber hier in Faridpur gelten offensichtlich andere Regeln, sowie Ränge unter den Frauen und Mädchen, welche ihre Geschäfte zum Großteil selbst organisieren bzw. von einer "Big Mama" (mir fällt leider kein anderer Begriff dafür ein) geleitetet werden. Die älteren, erfahreneren wohnen in größeren Zimmern, die jungen müssen mehr arbeiten. Täglich kommen neue junge Mädchen ohne Ausbildung oder Arbeitserfahrung vom Land in die Stadt um ein bisschen Geld zu verdienen, und ohne jegliche Jobaussicht entscheiden sie sich für die Prostitution. Ihnen wird von den Älteren sogar weisgemacht, dass sie sich glücklich schätzen können, hier zu arbeiten. Sollte sich eine beschweren, landet sie auf der Straße, wohingegen in den Bordellvierteln doch ein gewisser Schutz untereinander herrscht, man ein Dach über dem Kopf hat und versucht sich umeinander zu kümmern. Eine Art goldener Käfig. Dieses Kapitel soll die Aussichts- und Hoffnungslosigkeit dieser jungen Frauen den Zusehern näherbringen.

Kapitel 3 wurde in der mexikanischen Stadt Reynosa gedreht, nahe der amerikanischen Grenze bei Texas. Auch hier arbeiten die Frauen in eigenen Bezirken, aber anders als in Bangladesch werden diese Zonen extra für sie errichtet und von Polizisten bewacht, sollte sich ein Freier mal ungut verhalten. Hier sind sie sich ganz selbst überlassen und müssen ihre eigenen Zimmer mieten. Ihre Freier können sie sich aber selbst aussuchen und die Preise eigenmächtig festlegen. Diese Episode des Filmes zeigt, wie Prostitution nicht nur ein demütigender Akt ist, der den Frauen von einer befehlenden Instanz direkt aufgezwungen wird, sondern von ihnen als tatsächliche Arbeit betrachtet wird. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss man natürlich für sich selbst entscheiden.

Die große Stärke des Filmes ist das kommentarlose Bild. Zu keinem einzigen Zeitpunkt der knapp zwei Stunden langen Doku spricht der Regisseur, und lässt immer nur die Frauen und die Freier reden. Zwar stellt er schon Fragen (welche nicht gezeigt werden), meistens lässt er aber die Gedanken der gefilmten Personen schweifen und fängt so viel besser ihre wahre Gefühlslage ein. Michael Glawoggers eigenen Ansichten zu Prostitution bleiben dem Zuseher verbal verborgen und er muss nur anhand des Bildmaterials sich eine eigene Meinung formen. Dieser Stilgriff gibt jeder Location ein ganz eigenes Momentum, hat aber als Konsequenz, dass irgendwie kein roter Faden zustande kommt und man auch keinen so richtigen Appell entdecken kann, obwohl die Grundthematik sich konsequent und konstant durch den ganzen Film zieht. "Wohin will der Regisseur mit dem Gezeigten?", könnte man sich fragen. Dies verleiht dem Film leider eine gewisse Langatmigkeit, welche aber durch die Dreiteilung der Ortschaften leicht aufgehoben wird, dennoch bei manchen Leuten (besonders bei denjenigen, die lange Dokus nicht gewöhnt sind) wahrscheinlich für Langeweile beim Fernsehen sorgen kann.

Trotzdem ist Whores' Glory eine sehr sehenswerte und (bedingt durch die Kommentarlosigkeit) unkonventionelle Dokumentation über ein Milieu, dessen innere Strukturen vielen Leuten unbekannt ist, und kann sich hervorragend zu Glawoggers anderen Spitzendokus Megacities und Workingman's Death dazugesellen.

santi